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Leseprobe: Seekrank im Büro

Mit Sailaway ins Nichts

Seekrank im Büro

von Jan Bojaryn

In Spielen geht es um Zerstreuung. Doch einige verweigern sich dem Unterhaltungsterror und räumen den Blick auf das Wesentliche frei. Jan Bojaryn ist in den Sonnenuntergang gesegelt und hat Notizen gemacht.

Mit dem Segeln verbinde ich ausschließlich schlechte Erinnerungen. Kleine Boote auf großen Wassermassen sind bedrohlich. Von Geschaukel wird mir übel. Schon am Strand halte ich Ausschau nach Seeungeheuern. Nach Monsterwellen.

Schuld daran ist wahrscheinlich eine Klassenfahrt vor Jahrzehnten, ein Segeltörn auf dem Ijsselmeer mit einem abgewetzten Seebär und mit Nieselregen. Der lederhäutige Maat schrie die begriffslose Ruhrgebietsjugend an: Die Fock bergen! Die Wanten spreizen! Niemand reagierte, in der Hoffnung, er spreche Holländisch. Täglich tobte der Maat. Alle bekamen Kopfschmerzen.

Natürlich habe ich auch den „Weißen Hai“ als viel zu kleines Kind gesehen. Noch heute halte ich in jedem Schwimmbad Ausschau nach weit aufgerissenen Mäulern unter mir. Aber wenn ich am Strand stehe, befällt auch mich jene affige Sehnsucht, davonzutreiben, den Bart stehen zu lassen, Bierschaum von den Wellenkämmen zu schlürfen. Die Welt um mich herum geht mir tagtäglich auf die Nerven. Alles ist aufdringlich und geschwätzig. Mit Salzwasser im Handy wäre endlich Ruhe. Zieht in der Ferne ein Shitstorm auf? Einfach die Segel reffen.

Mein Geist wie ein Windfaden

Einen Abend lang will ich das erleben, verschwinden, mich der Weite aussetzen und schauen, ob das irgendeine positive Form von Erlebnis bringt – oder nur Langeweile. Ich schließe mich in meinem Büro ein, schalte alle Benachrichtigungen aus und starte die realistische Segelsimulation *Sailaway. Das Spiel ist sehr ernst gemeint. Die Weltkarte ist maßstabsgetreu. Das Wetter ändert sich in Echtzeit. Jedes Segel, jedes Seil auf dem Boot ist beweglich. Und wenn ich mit dem Mausrad an der Reffrolle kurble, schmerzt mir das Handgelenk authentisch. Damit ich vor lauter Fachjargon nicht untergehe, lasse ich mich von der Hilfefunktion anleiten. Ich soll die Genua auf 100 Prozent ausrollen. Das erinnert mich entfernt an meinen letzten Italienurlaub, also gehorche ich. Tatsächlich beschleunigt mein Boot von knapp 1 auf 7 Knoten. Mit fast 13 km/h schießt es auf den Horizont zu. Dabei will ich ja nirgendwo ankommen. Hinter mir liegt Holland. Ich bin vom Strand meiner sehnsüchtigsten pubertären Strandspaziergänge aufgebrochen, von der Küste Walcherens. Mein Ziel ist nur das Meer. Mein Kurs auf 340 Grad würde knapp an den Britischen Inseln vorbei führen – wenn ich an einem Abend so weit käme. Als der Wind abflaut, werden aus 7 Knoten 4. Zuerst packt mich die Unruhe. Waren 13 km/h nicht irgendwie besser? Ich drehe mich um. Der Leuchtturm hinter mir blinkt hartnäckig, die Küste streckt ihre langen Finger nach mir aus. Aber dann schaue ich wieder nach vorn. Mein Blick ruht auf dem Horizont. Das Licht der tief stehenden Sonne spiegelt sich auf den sanft dahin rollenden Wellen. Der Wind atmet. Die Takelage klappert.

Meine Bootsfahrt wird zur Meditation, der schaukelnde Horizont zum Fokus. Mein zerstreuter Geist sammelt sich. Je länger ich am Mast vorbei starre, desto leerer und offener werde ich. Dann die Erleuchtung: So ungefähr könnte sich Segeln anfühlen! Auch die Simulation einer beruhigenden Tätigkeit kann mich beruhigen. Ein leichtes Hochgefühl ergreift mich. Endlich vergesse ich die Zeit. Ich werde eins mit dem Boot und sitze schunkelnd im Schreibtischstuhl. Irgendwann befällt mich leichte Übelkeit. Eine Stunde ist rum.

Die Übelkeit bekämpfe ich mit Aktivität. Das Spiel hat ein paar Tipps, wie ich aus vier Knoten wieder sieben machen soll. Ich klicke an den bunten Seilen herum. Die plötzliche Bastelaufgabe ist irritierend, aber schnell vorbei. Nach drei Minuten Arbeit ist nichts mehr zu tun. Unsicher schaue ich mich um. Immerhin wurde der Leuchtturm hinter mir von einem tief violetten Dunst verschluckt. Die Sonne hängt tief im Wasser. Der Tag verschwindet in Echtzeit, auf der holländischen See etwas früher als in meinem sächsischen Büro. Als sich die ersten Sterne auf meinem Monitor abzeichnen, kann ich sie kaum erkennen. Das ist die Lichtverschmutzung, ich muss die Jalousie herunterziehen und die Schreibtischlampe ausmachen. Dann kann ich sogar Sternbilder erkennen. Zum Schauen ist Zeit, denn das Boot segelt einfach. Meine Eingaben will es gar nicht haben. Gelegentlich flaut der Wind ab, aber dann lebt er wieder auf. Die Sache läuft. Auch das wirkt realistisch, ich muss ruhen, und mich bereit halten, weil das Meer sich jederzeit plötzlich verändern kann. Kaum auszudenken, wenn es das täte! Nur, weil es gerade nichts tut, wäre das etwas Besonderes. Solche Höhepunkte können andere Spiele gar nicht setzen, da passiert schließlich ständig irgendetwas. Als ich über das simulierte Meer nachdenke, wächst in mir das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren und auf einen immer tieferen Körper Flüssigkeit abzutreiben. Was unter mir passiert, ist ungewiss. Aus dem schäumenden Meer ist eine schwarze Masse geworden. In der Realität würde mich jetzt Unruhe packen, ich würde an Riesenkalmare und Pottwale und Haie und Mantarochen denken und an meinen eigenen, entsetzlich kleinen Körper. Hier bleibe ich einigermaßen ruhig. Das simulierte Meer hat nichts zu verbergen.

Mein Hintern wie Blei

Langsam weicht die meditative Ruhe nackter Langeweile. Aus dem Gefühl der Leere heraus schaue ich mich um und staune. Der Himmel leuchtet golden, über mir schimmert er blau, er ist durchsetzt mit rosa Wolkentupfen. Dahinter gähnt der Kosmos. Diese erhabene Schönheit schlägt mir nicht ins Gesicht wie ein echtes Alpenpanorama mit pfeifendem Wind, aber sie wirkt. Ich muss nur minutenlang still dasitzen und hinein starren, dann wirkt sie, irgendwann. Die Zeit vergeht. Ich trinke nicht, ich rufe keine Nachrichten ab, ich gehe nicht aufs Klo. Ich falle in eine Trance. Oder ich nicke ein. Ich schrecke bei 7,3 Knoten auf. Geschwindigkeitsrekord! Zwei Stunden sind um. Ich muss das Boot kurz verlassen, um nicht schlafend vom Stuhl zu fallen. Echte Matrosen vertreten sich ja auch die Beine, die kleben nicht mit tauben Hintern am Schreibtischstuhl.

Als ich das Büro wieder betrete, das Schiff unbeeindruckt auf 340 Grad segelt, erschauere ich. Muss ich mich wirklich weiter vor das Nichts setzen? Halte ich die Langeweile noch aus? Ich schalte das Licht an. Kürzlich habe ich gelesen, der Matrose von heute höre Podcasts. Ich probiere das auch, aber sobald das Handy leuchtet und plappert, zerfällt die Simulation, und aus meinem Fenster in die holländische See wird ein Bildschirmschoner. Grimmig schalte ich das Handy wieder stumm und starre auf mein Ziel, auf die Unschärfe am Horizont, auf das Ende der Welt. Ich bleibe an Bord. Holland ist auf der Karte immer noch dicht hinter mir, aber das Wasser unter mir ist tiefer geworden. Entweder legt sich Nebel um mein Schiff, oder ich bilde es mir ein. Eine unscharfe, milchige Grenze liegt zehn Meter vor dem Bug und kommt nicht näher. Meine Augen sind müde.

Die Welt verändert sich so langsam, dass ich alles verpasse. Irgendwann ist die Sonne verschwunden, irgendwann hat eine Wolkenformation die andere abgelöst. Nach über drei Stunden ist das Meer plötzlich wieder hell. Die Wellen leuchten ocker. Irritiert schaue ich mich um und entdecke den vollen Mond hinter mir am Himmel. Er wirft sein Licht auf die Wellen. Es rollt über die Kämme, scheint aus den Tälern.

Zuerst halte ich mich für ergriffen, dann schiebe ich alles auf die Müdigkeit. Dann überkommt es mich. Ich halte das nicht mehr aus! Ich will etwas tun! Ich kann nicht mehr still sitzen! Ich packe das Steuerrad und reiße es herum. Das Boot dreht sich in den Wind. Es wird langsamer. Das Segel erschlafft und hängt herab.

Das Boot liegt da.

Jetzt ist alles still.

Also drehe ich zurück auf Kurs. Das Boot fährt weiter. Ich lasse es allein und gehe schlafen. Am nächsten Morgen entdecke ich auf dem Handy eine Status-E-Mail meines Boots. Der Wind sei aufgefrischt, schreibt es. Es segle jetzt an den Britischen Inseln vorbei. Ohne mich.

JAN BOJARYN schreibt als freier Autor über Videospiele und andere lebenswichtige Themen. Kontakt und Arbeitsproben: ryn.de
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Leseprobe: Seekrank im Büro

Mit Sailaway ins Nichts

Seekrank im Büro

von Jan Bojaryn

In Spielen geht es um Zerstreuung. Doch einige verweigern sich dem Unterhaltungsterror und räumen den Blick auf das Wesentliche frei. Jan Bojaryn ist in den Sonnenuntergang gesegelt und hat Notizen gemacht.

Mit dem Segeln verbinde ich ausschließlich schlechte Erinnerungen. Kleine Boote auf großen Wassermassen sind bedrohlich. Von Geschaukel wird mir übel. Schon am Strand halte ich Ausschau nach Seeungeheuern. Nach Monsterwellen.

Schuld daran ist wahrscheinlich eine Klassenfahrt vor Jahrzehnten, ein Segeltörn auf dem Ijsselmeer mit einem abgewetzten Seebär und mit Nieselregen. Der lederhäutige Maat schrie die begriffslose Ruhrgebietsjugend an: Die Fock bergen! Die Wanten spreizen! Niemand reagierte, in der Hoffnung, er spreche Holländisch. Täglich tobte der Maat. Alle bekamen Kopfschmerzen.

Natürlich habe ich auch den „Weißen Hai“ als viel zu kleines Kind gesehen. Noch heute halte ich in jedem Schwimmbad Ausschau nach weit aufgerissenen Mäulern unter mir. Aber wenn ich am Strand stehe, befällt auch mich jene affige Sehnsucht, davonzutreiben, den Bart stehen zu lassen, Bierschaum von den Wellenkämmen zu schlürfen. Die Welt um mich herum geht mir tagtäglich auf die Nerven. Alles ist aufdringlich und geschwätzig. Mit Salzwasser im Handy wäre endlich Ruhe. Zieht in der Ferne ein Shitstorm auf? Einfach die Segel reffen.

Mein Geist wie ein Windfaden

Einen Abend lang will ich das erleben, verschwinden, mich der Weite aussetzen und schauen, ob das irgendeine positive Form von Erlebnis bringt – oder nur Langeweile. Ich schließe mich in meinem Büro ein, schalte alle Benachrichtigungen aus und starte die realistische Segelsimulation *Sailaway. Das Spiel ist sehr ernst gemeint. Die Weltkarte ist maßstabsgetreu. Das Wetter ändert sich in Echtzeit. Jedes Segel, jedes Seil auf dem Boot ist beweglich. Und wenn ich mit dem Mausrad an der Reffrolle kurble, schmerzt mir das Handgelenk authentisch. Damit ich vor lauter Fachjargon nicht untergehe, lasse ich mich von der Hilfefunktion anleiten. Ich soll die Genua auf 100 Prozent ausrollen. Das erinnert mich entfernt an meinen letzten Italienurlaub, also gehorche ich. Tatsächlich beschleunigt mein Boot von knapp 1 auf 7 Knoten. Mit fast 13 km/h schießt es auf den Horizont zu. Dabei will ich ja nirgendwo ankommen. Hinter mir liegt Holland. Ich bin vom Strand meiner sehnsüchtigsten pubertären Strandspaziergänge aufgebrochen, von der Küste Walcherens. Mein Ziel ist nur das Meer. Mein Kurs auf 340 Grad würde knapp an den Britischen Inseln vorbei führen – wenn ich an einem Abend so weit käme. Als der Wind abflaut, werden aus 7 Knoten 4. Zuerst packt mich die Unruhe. Waren 13 km/h nicht irgendwie besser? Ich drehe mich um. Der Leuchtturm hinter mir blinkt hartnäckig, die Küste streckt ihre langen Finger nach mir aus. Aber dann schaue ich wieder nach vorn. Mein Blick ruht auf dem Horizont. Das Licht der tief stehenden Sonne spiegelt sich auf den sanft dahin rollenden Wellen. Der Wind atmet. Die Takelage klappert.

Meine Bootsfahrt wird zur Meditation, der schaukelnde Horizont zum Fokus. Mein zerstreuter Geist sammelt sich. Je länger ich am Mast vorbei starre, desto leerer und offener werde ich. Dann die Erleuchtung: So ungefähr könnte sich Segeln anfühlen! Auch die Simulation einer beruhigenden Tätigkeit kann mich beruhigen. Ein leichtes Hochgefühl ergreift mich. Endlich vergesse ich die Zeit. Ich werde eins mit dem Boot und sitze schunkelnd im Schreibtischstuhl. Irgendwann befällt mich leichte Übelkeit. Eine Stunde ist rum.

Die Übelkeit bekämpfe ich mit Aktivität. Das Spiel hat ein paar Tipps, wie ich aus vier Knoten wieder sieben machen soll. Ich klicke an den bunten Seilen herum. Die plötzliche Bastelaufgabe ist irritierend, aber schnell vorbei. Nach drei Minuten Arbeit ist nichts mehr zu tun. Unsicher schaue ich mich um. Immerhin wurde der Leuchtturm hinter mir von einem tief violetten Dunst verschluckt. Die Sonne hängt tief im Wasser. Der Tag verschwindet in Echtzeit, auf der holländischen See etwas früher als in meinem sächsischen Büro. Als sich die ersten Sterne auf meinem Monitor abzeichnen, kann ich sie kaum erkennen. Das ist die Lichtverschmutzung, ich muss die Jalousie herunterziehen und die Schreibtischlampe ausmachen. Dann kann ich sogar Sternbilder erkennen. Zum Schauen ist Zeit, denn das Boot segelt einfach. Meine Eingaben will es gar nicht haben. Gelegentlich flaut der Wind ab, aber dann lebt er wieder auf. Die Sache läuft. Auch das wirkt realistisch, ich muss ruhen, und mich bereit halten, weil das Meer sich jederzeit plötzlich verändern kann. Kaum auszudenken, wenn es das täte! Nur, weil es gerade nichts tut, wäre das etwas Besonderes. Solche Höhepunkte können andere Spiele gar nicht setzen, da passiert schließlich ständig irgendetwas. Als ich über das simulierte Meer nachdenke, wächst in mir das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren und auf einen immer tieferen Körper Flüssigkeit abzutreiben. Was unter mir passiert, ist ungewiss. Aus dem schäumenden Meer ist eine schwarze Masse geworden. In der Realität würde mich jetzt Unruhe packen, ich würde an Riesenkalmare und Pottwale und Haie und Mantarochen denken und an meinen eigenen, entsetzlich kleinen Körper. Hier bleibe ich einigermaßen ruhig. Das simulierte Meer hat nichts zu verbergen.

Mein Hintern wie Blei

Langsam weicht die meditative Ruhe nackter Langeweile. Aus dem Gefühl der Leere heraus schaue ich mich um und staune. Der Himmel leuchtet golden, über mir schimmert er blau, er ist durchsetzt mit rosa Wolkentupfen. Dahinter gähnt der Kosmos. Diese erhabene Schönheit schlägt mir nicht ins Gesicht wie ein echtes Alpenpanorama mit pfeifendem Wind, aber sie wirkt. Ich muss nur minutenlang still dasitzen und hinein starren, dann wirkt sie, irgendwann. Die Zeit vergeht. Ich trinke nicht, ich rufe keine Nachrichten ab, ich gehe nicht aufs Klo. Ich falle in eine Trance. Oder ich nicke ein. Ich schrecke bei 7,3 Knoten auf. Geschwindigkeitsrekord! Zwei Stunden sind um. Ich muss das Boot kurz verlassen, um nicht schlafend vom Stuhl zu fallen. Echte Matrosen vertreten sich ja auch die Beine, die kleben nicht mit tauben Hintern am Schreibtischstuhl.

Als ich das Büro wieder betrete, das Schiff unbeeindruckt auf 340 Grad segelt, erschauere ich. Muss ich mich wirklich weiter vor das Nichts setzen? Halte ich die Langeweile noch aus? Ich schalte das Licht an. Kürzlich habe ich gelesen, der Matrose von heute höre Podcasts. Ich probiere das auch, aber sobald das Handy leuchtet und plappert, zerfällt die Simulation, und aus meinem Fenster in die holländische See wird ein Bildschirmschoner. Grimmig schalte ich das Handy wieder stumm und starre auf mein Ziel, auf die Unschärfe am Horizont, auf das Ende der Welt. Ich bleibe an Bord. Holland ist auf der Karte immer noch dicht hinter mir, aber das Wasser unter mir ist tiefer geworden. Entweder legt sich Nebel um mein Schiff, oder ich bilde es mir ein. Eine unscharfe, milchige Grenze liegt zehn Meter vor dem Bug und kommt nicht näher. Meine Augen sind müde.

Die Welt verändert sich so langsam, dass ich alles verpasse. Irgendwann ist die Sonne verschwunden, irgendwann hat eine Wolkenformation die andere abgelöst. Nach über drei Stunden ist das Meer plötzlich wieder hell. Die Wellen leuchten ocker. Irritiert schaue ich mich um und entdecke den vollen Mond hinter mir am Himmel. Er wirft sein Licht auf die Wellen. Es rollt über die Kämme, scheint aus den Tälern.

Zuerst halte ich mich für ergriffen, dann schiebe ich alles auf die Müdigkeit. Dann überkommt es mich. Ich halte das nicht mehr aus! Ich will etwas tun! Ich kann nicht mehr still sitzen! Ich packe das Steuerrad und reiße es herum. Das Boot dreht sich in den Wind. Es wird langsamer. Das Segel erschlafft und hängt herab.

Das Boot liegt da.

Jetzt ist alles still.

Also drehe ich zurück auf Kurs. Das Boot fährt weiter. Ich lasse es allein und gehe schlafen. Am nächsten Morgen entdecke ich auf dem Handy eine Status-E-Mail meines Boots. Der Wind sei aufgefrischt, schreibt es. Es segle jetzt an den Britischen Inseln vorbei. Ohne mich.

JAN BOJARYN schreibt als freier Autor über Videospiele und andere lebenswichtige Themen. Kontakt und Arbeitsproben: ryn.de