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WASD 10 - Dimitrijs Top 10

DMITRIJS TOP 10

von Christian Schiffer

Fühlt sich Sterben im Spiel anders an, wenn man in der wirklichen Welt bald sterben muss? Wie empfindet jemand, der unheilbar an Krebs erkrankt ist, den Tod im Computerspiel? Dmitrij weiß es. Der 25-Jährige leidet an einem Gehirntumor, viel Zeit bleibt ihm nicht. Hier sind die persönlichen Computerspiel-Top 10 eines viel zu kurzen Lebens.
PLATZ 10: Bloodborne
Natürlich gibt es diese Tage. Diese Tage, an denen Dmitrij sich wünscht, dass man ihm einfach eine Spritze verpasst und alles einfach vorbei ist. Diese Tage, an denen Dmitrij übermannt wird von den Schmerzen und der Verzweiflung. Diese Tage fühlen sich dann an wie ein Bosskampf in „Bloodborne“: Erst weiß man nicht, wie man Gehrman, einen der schwierigsten Endgegner des Spiels, jemals besiegen soll; zwischendrin will man schon aufgeben, doch dann macht man weiter, findet heraus, dass man die Angriffe des flinken Gehrman mit Schusswaffen ganz gut unterbrechen kann und sich dann ein kleines Zeitfenster öffnet, in dem man beherzt R1 drücken kann. Dann trifft man den Fiesling endlich mal richtig hart, macht weiter, kämpft und grübelt und grübelt und kämpft und irgendwann liegt er dann endlich im Staub, dieser Motherfucker aus Bits und Bytes mit seiner zweihändig geführten Kacksense, die ihm jetzt aber auch nicht mehr nützt.

PLATZ 09: Gothic 2 Gold — mit „Die Nacht des Raben“
Als Dmitrij die Top 10 seiner All-Time-Favourite-Spiele zusammenstellt, wirkt er zerbrechlich, ist aschfahl im Gesicht, er spricht mit leiser und schwacher Stimme. Seine Liste berichtigt er später noch zweimal im Facebook-Chat, dann werden die Sätze kürzer und die Antwortintervalle länger. Aus dem Nichts dann eine zweite Liste mit Honorable Mentions: „Fallout 2“, „Far Cry“, „Metal Gear Solid 3: Snake Eater (Subsistence)“, „The Legend of Zelda: Majora’s Mask“, „The World Ends With You“, „Papers, Please“.

PLATZ 08: Resident Evil 4
Die Diagnose bekommt Dmitrij 2011. Schon seit Wochen hat er Kopfschmerzen, ihm ist übel und schwindelig, er geht erst spät zu Ärzten und dann vielleicht auch zu den falschen. Irgendwann steht er im Wartezimmer eines Neurologen, zockt auf seinem DS Lite und fällt einfach um. In der Uni-Klinik finden die Mediziner heraus, was ihm fehlt: Dmitrij leidet unter einem Medulloblastom, einem bösartigen Tumor im Kleinhirn, der normalerweise eher Kinder und Jugendliche heimsucht. Dmitrij ist erleichtert, endlich ist klar, was diese unheimlichen Schwindelanfälle hervorruft. Er wird gleich am nächsten Morgen operiert, eine genaue Prognose können die Ärzte nicht geben, man weiß einfach zu wenig über diese Tumorart bei Erwachsenen. Vier Jahre später dann der Rückfall, Bestrahlung, Chemo, doch der Tumor streut und dann irgendwann kommt er, der Tag, an dem sein Arzt ihm mitteilt, dass es wohl nichts mehr werden wird, der Krebs wird immer und immer wiederkommen, so wie ein Zombie, der einfach weiter auf einen zuwankt, ganz egal, wie oft man ihn mit der Pumpgun duchsiebt. Der Arzt wirkt fassungslos: Die Krebszellen werden Dmitrijs Rückenmark zerstören und aus dem 25-jährigen Psychologiestudenten nach und nach einen Pflegefall machen. Am Ende wird Dmitrij sterben, vielleicht, weil seine Leber die Medikamente nicht packt, vielleicht an multiplem Organversagen, vielleicht auch am Tumor selbst.

PLATZ 07: S.T.A.L.K.E.R.: Shadow of Chernobyl
Dmitrij Panov kommt in Russland zur Welt, weit im Osten, auf der Insel Sachalin, nördlich von Japan. Der Vater verlässt die Familie, als er noch klein ist, die Mutter zieht mit ihm und seiner Großmutter nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland und arbeitet als Kindergärtnerin und Putzfrau. Dmitrij wächst in Verhältnissen auf, die mit „einfach“ wohl recht beschönigend umschrieben sind, und vielleicht entwickelt er deswegen ein paar schrullige Marotten, wenn es um seinen eigenen Besitz geht. Er findet eines Tages heraus, dass auf den WG-Küchentüchern „WMF“ steht. Er recherchiert, stellt fest, dass „WMF“ eine Marke ist und zählt umgehend eins und eins zusammmen: Bei seinen Küchentüchern muss es sich folgerichtig quasi um Markenküchentücher handeln! Von „WMF“!! Seitdem sorgt er penibel dafür, dass in der WG das WMF-Logo auf den Küchentüchern jederzeit nach außen gedreht ist, die ganze Welt soll sehen, dass er, dass Dmitrij Panov stolzer Besitzer von original WMF-Küchentüchern ist! Ähnlich verhält es sich mit seinem größten Schatz: seiner Spiele- und Blu-ray-Sammlung. Er legt eine Datenbank an, jeder Film und jedes Spiel, das sich in seinem Besitz befindet, wird hier eingetragen mit folgenden Angaben: Titel, Erscheinungsjahr, Hersteller/Regisseur und vor allem einer persönlichen Bewertung auf einer Skala von 0 bis 10. Alles ab 7 ist gut. Als er von seiner Diagnose erfährt, beginnt er anhand dieser Liste sein Testament zu schreiben, jeder seiner Freunde soll einen ganz bestimmten Film oder ein ganz bestimmtes Spiel bekommen.

PLATZ 06: Red Dead Redemption
Dmitrijs Humor ist trocken, staubtrocken, in etwa so trocken wie der Wüstensand im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet. Und sein Humor macht nicht Halt vor seiner Krankheit. „Krebswitze sind ausdrücklich erlaubt“, schreibt Dmitrij vor dem Treffen, Wortspiele auf Basis des Verbs „rumkrebsen“ seien sogar überaus willkommen, nicht willkommen hingegen sei Mitleid, Dmitrij will nicht als dahinsiechendes Krebskind in Erinnerung bleiben. Seine letzten Monate bezeichnet er als „ewige Semesterferien“, er schläft bis neun, bekommt viel Besuch, schaut unzählige Filme, spielt so viele Spiele, wie er spielen kann und krebst – nunja – halt so rum. In seinem Zimmer sind Medikamente verstreut, auf einem kleinen Tisch liegt ein Ordner des Palliativdienstes. Alle drei Tage werden die Morphiumpflaster ausgewechselt, später wird das Intervall auf zwei Tage verkürzt. Dazu gibt es Morphiumlutscher, die aber nicht ganz so viel bringen.

PLATZ 05: The Last of Us
Mit seiner Mitbewohnerin hat Dmitrij früher „Red Dead Redemption“ gespielt, sie ritt, er schoss. Jetzt sitzen sie wieder auf dem Sofa und zocken „Uncharted 4“. Dmitrij ist überwältigt von der Schönheit des Spiels, seit „The Last of Us“ hat ihm keine Grafik mehr so imponiert, allerdings kommt er nur schwer voran. Mit Hirntumor und unter dem Einfluss von Morphium mutiert das Action-Adventure auch im einfachsten Schwierigkeitsgrad zu einer geradezu übermenschlichen Herausforderung. Dmitrij läuft häufig im Kreis und ausgerechnet mit den Rätseln will es nicht mehr klappen, dabei lagen lästige Computerspielrätsel früher ganz klar in Dmitrijs Zuständigkeitsbereich. Wortlos tauschen sie nun die Rollen, wenn wieder einmal Kopfnuss ansteht, überlässt Dmitrij wie zufällig seiner Mitbewohnerin den Controller. Schießen allerdings, das kann Dmitrij immer noch ziemlich gut. „Uncharted 4“ ist das letzte Computerspiel, von dem Dmitrij Panov den Abspann sehen wird.

PLATZ 04: The Legend of Zelda: The Wind Waker
Was kann Dmitrij der Welt hinterlassen? Er kann ja schlecht noch schnell Physik studieren und der Menschheit ein paar bahnbrechende Erkenntnisse zur Quantenphysik mit auf den Weg geben, er kann auch nicht noch schnell die Spiegel-Bestsellerliste erobern oder mit einer Powerballade die iTunes-Charts aufmischen. Und versunkene Königreiche wieder an die Oberfläche bugsieren, so wie in „Legend of Zelda: The Wind Waker“, das wäre arg überambitioniert, sogar ohne Medulloblastom. Aber Dmitrij hat ja Internet und so beschließt er, einen Blog zu starten. „Sterben mit Stil“ möchte er es nennen, aber „Sterben mit Stil“ hat sich leider schon irgendeine Modebloggerin geschnappt, also nennt er seinen Blog „Sterben mit Swag“. „Swag“ wurde als Begriff von dem österreichischen Hip-Hopper Moneyboy bekannt gemacht. Dann kam es, wie es kommen musste: Die Senfautomaten vom Duden wurden 2011 auf einer ihrer Gammelfleischpartys auf das Wort aufmerksam und jazzten es zum Jugendwort des Jahres hoch. Seitdem hat der Begriff „Swag“ natürlich einiges an Swag eingebüßt, es sei denn, man benutzt das Wort mit Swag – so wie Dmitrij in seinem Blog. Hier schreibt er fortan über Spiele, Filme, sein Leben und seine Krankheit, oft im beiläufigen, etwas schnodderigen Stil, es fallen dann auch mal Sätze wie „Hirnwasser praktisch zellfrei, auch ganz geil“. Bald wird „Sterben mit Swag“ auch in den Medien ein Thema, auf VICE erscheint ein großer Artikel und ebenso bei Spiegel Online. Seine Mitbewohnerin muss fortan aufdringliche Journalisten abwehren, bekommt beleidigende Emails, Leute versuchen sogar herauszufinden, wo Dmitrij wohnt und in welchem Hospiz er liegt. Doch Dmitrij schafft es tatsächlich, der Menschheit etwas zu hinterlassen und zwar nicht nur seinen Blog, ganz nebenbei rehabilitiert er quasi im Alleingang das Wörtchen „Swag“.

PLATZ 03: Final Fantasy VII
Wie also ist das, wenn man im Computerspiel stirbt und weiß, dass man im echten Leben bald sterben muss? Versetzt einem jeder Spieletod einen Stich? Kommt jedes Mal wieder aufs Neue all das hoch, was man eigentlich verdrängen möchte? Macht es einen wahnsinnig, dass es im Spiel trotz Tod immer weitergeht und man notfalls ganz von vorne beginnen kann, während man sich in der Kohlenstoffwelt unweigerlich dem Punkt nähert, an dem gar nichts mehr weitergeht? Nichts davon. Das dauernde Sterben im Spiel hat für Dmitrij eine therapeutische Wirkung, die permanente Konfrontation mit dem virtuellen Ableben hilft ihm dabei, sein eigenes Sterben zu verarbeiten. Das gilt auch für „That Dragon, Cancer“, hier geht es um den Krebstod eines kleinen Jungen. Das Spiel erscheint kurze Zeit nachdem der Arzt Dmitrij mitteilt, dass er bald sterben wird, eine Tatsache, die Dmitrij als etwas ironischen Kommentar des Schicksals interpretiert. Ein Freund schenkt ihm einen Code, Dmitrij spielt „That Dragon, Cancer“ an einem Nachmittag durch und ist begeistert. Er mag den Gedanken, dass man auch aus den grauenhaftesten Dingen, wie dem Krebstod eines kleinen Jungen, Kunst machen kann.

PLATZ 02: Planescape Torment
Dmitrij glaubt an ein Leben nach dem Tod, er ist ein sehr religiöser Mensch und man kann über Religion bestimmt viel Schlechtes sagen, aber für Dmitrij ist sie eine große Hilfe. Er macht einen resignierten, aber keineswegs deprimierten Eindruck. Dmitrij ist Determinist und Pragmatiker, natürlich ist das mit dem Hirntumor wirklich suboptimal gelaufen, aber es lässt sich nun mal nicht ändern und jetzt gilt es eben, das Beste aus dieser maximal beschissenen Situation zu machen. Jeder muss irgendwann sterben, ihn hat es jetzt nun mal recht früh getroffen, aber sogar das ist Ansichtssache: Bei seiner Geburt gab es Komplikationen, Dmitrij musste wiederbelebt werden, als Nickname verwendet er deswegen in Computerspielen gerne „Todgeborener“.

PLATZ 01: The Legend of Zelda: Ocarina of Time
Irgendwann kommt die Mitteilung, dass Dmitrij jetzt im Hospiz lebt. Dort döst er, lächelt vor sich hin. Wenn er wach ist, dann er freut sich über Besuch und spricht über schöne Dinge aus der Vergangenheit, über die Zeit mit seiner Mitbewohnerin, über das gemeinsame Kaninchen. Dann nickt er wieder ein, Menschen, die ihn gut kennen, sagen, dass er im Kopf oft schon woanders ist, dass er „fliegt“.

CHRISTIAN SCHIFFER hat Dmitrij im Juli 2016 besucht. Die Top 10-Liste entstand beim gemeinsamen Spaghetti-Essen. Er hätte sich gewünscht, dass Dmitrij diesen Text noch lesen kann.
DMITRIJS TOP 10 von Christian Schiffer Fühlt sich Sterben im Spiel anders an, wenn man in der wirklichen Welt bald sterben muss? Wie empfindet jemand, der unheilbar an Krebs erkrankt... mehr erfahren »
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DMITRIJS TOP 10

von Christian Schiffer

Fühlt sich Sterben im Spiel anders an, wenn man in der wirklichen Welt bald sterben muss? Wie empfindet jemand, der unheilbar an Krebs erkrankt ist, den Tod im Computerspiel? Dmitrij weiß es. Der 25-Jährige leidet an einem Gehirntumor, viel Zeit bleibt ihm nicht. Hier sind die persönlichen Computerspiel-Top 10 eines viel zu kurzen Lebens.
PLATZ 10: Bloodborne
Natürlich gibt es diese Tage. Diese Tage, an denen Dmitrij sich wünscht, dass man ihm einfach eine Spritze verpasst und alles einfach vorbei ist. Diese Tage, an denen Dmitrij übermannt wird von den Schmerzen und der Verzweiflung. Diese Tage fühlen sich dann an wie ein Bosskampf in „Bloodborne“: Erst weiß man nicht, wie man Gehrman, einen der schwierigsten Endgegner des Spiels, jemals besiegen soll; zwischendrin will man schon aufgeben, doch dann macht man weiter, findet heraus, dass man die Angriffe des flinken Gehrman mit Schusswaffen ganz gut unterbrechen kann und sich dann ein kleines Zeitfenster öffnet, in dem man beherzt R1 drücken kann. Dann trifft man den Fiesling endlich mal richtig hart, macht weiter, kämpft und grübelt und grübelt und kämpft und irgendwann liegt er dann endlich im Staub, dieser Motherfucker aus Bits und Bytes mit seiner zweihändig geführten Kacksense, die ihm jetzt aber auch nicht mehr nützt.

PLATZ 09: Gothic 2 Gold — mit „Die Nacht des Raben“
Als Dmitrij die Top 10 seiner All-Time-Favourite-Spiele zusammenstellt, wirkt er zerbrechlich, ist aschfahl im Gesicht, er spricht mit leiser und schwacher Stimme. Seine Liste berichtigt er später noch zweimal im Facebook-Chat, dann werden die Sätze kürzer und die Antwortintervalle länger. Aus dem Nichts dann eine zweite Liste mit Honorable Mentions: „Fallout 2“, „Far Cry“, „Metal Gear Solid 3: Snake Eater (Subsistence)“, „The Legend of Zelda: Majora’s Mask“, „The World Ends With You“, „Papers, Please“.

PLATZ 08: Resident Evil 4
Die Diagnose bekommt Dmitrij 2011. Schon seit Wochen hat er Kopfschmerzen, ihm ist übel und schwindelig, er geht erst spät zu Ärzten und dann vielleicht auch zu den falschen. Irgendwann steht er im Wartezimmer eines Neurologen, zockt auf seinem DS Lite und fällt einfach um. In der Uni-Klinik finden die Mediziner heraus, was ihm fehlt: Dmitrij leidet unter einem Medulloblastom, einem bösartigen Tumor im Kleinhirn, der normalerweise eher Kinder und Jugendliche heimsucht. Dmitrij ist erleichtert, endlich ist klar, was diese unheimlichen Schwindelanfälle hervorruft. Er wird gleich am nächsten Morgen operiert, eine genaue Prognose können die Ärzte nicht geben, man weiß einfach zu wenig über diese Tumorart bei Erwachsenen. Vier Jahre später dann der Rückfall, Bestrahlung, Chemo, doch der Tumor streut und dann irgendwann kommt er, der Tag, an dem sein Arzt ihm mitteilt, dass es wohl nichts mehr werden wird, der Krebs wird immer und immer wiederkommen, so wie ein Zombie, der einfach weiter auf einen zuwankt, ganz egal, wie oft man ihn mit der Pumpgun duchsiebt. Der Arzt wirkt fassungslos: Die Krebszellen werden Dmitrijs Rückenmark zerstören und aus dem 25-jährigen Psychologiestudenten nach und nach einen Pflegefall machen. Am Ende wird Dmitrij sterben, vielleicht, weil seine Leber die Medikamente nicht packt, vielleicht an multiplem Organversagen, vielleicht auch am Tumor selbst.

PLATZ 07: S.T.A.L.K.E.R.: Shadow of Chernobyl
Dmitrij Panov kommt in Russland zur Welt, weit im Osten, auf der Insel Sachalin, nördlich von Japan. Der Vater verlässt die Familie, als er noch klein ist, die Mutter zieht mit ihm und seiner Großmutter nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland und arbeitet als Kindergärtnerin und Putzfrau. Dmitrij wächst in Verhältnissen auf, die mit „einfach“ wohl recht beschönigend umschrieben sind, und vielleicht entwickelt er deswegen ein paar schrullige Marotten, wenn es um seinen eigenen Besitz geht. Er findet eines Tages heraus, dass auf den WG-Küchentüchern „WMF“ steht. Er recherchiert, stellt fest, dass „WMF“ eine Marke ist und zählt umgehend eins und eins zusammmen: Bei seinen Küchentüchern muss es sich folgerichtig quasi um Markenküchentücher handeln! Von „WMF“!! Seitdem sorgt er penibel dafür, dass in der WG das WMF-Logo auf den Küchentüchern jederzeit nach außen gedreht ist, die ganze Welt soll sehen, dass er, dass Dmitrij Panov stolzer Besitzer von original WMF-Küchentüchern ist! Ähnlich verhält es sich mit seinem größten Schatz: seiner Spiele- und Blu-ray-Sammlung. Er legt eine Datenbank an, jeder Film und jedes Spiel, das sich in seinem Besitz befindet, wird hier eingetragen mit folgenden Angaben: Titel, Erscheinungsjahr, Hersteller/Regisseur und vor allem einer persönlichen Bewertung auf einer Skala von 0 bis 10. Alles ab 7 ist gut. Als er von seiner Diagnose erfährt, beginnt er anhand dieser Liste sein Testament zu schreiben, jeder seiner Freunde soll einen ganz bestimmten Film oder ein ganz bestimmtes Spiel bekommen.

PLATZ 06: Red Dead Redemption
Dmitrijs Humor ist trocken, staubtrocken, in etwa so trocken wie der Wüstensand im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet. Und sein Humor macht nicht Halt vor seiner Krankheit. „Krebswitze sind ausdrücklich erlaubt“, schreibt Dmitrij vor dem Treffen, Wortspiele auf Basis des Verbs „rumkrebsen“ seien sogar überaus willkommen, nicht willkommen hingegen sei Mitleid, Dmitrij will nicht als dahinsiechendes Krebskind in Erinnerung bleiben. Seine letzten Monate bezeichnet er als „ewige Semesterferien“, er schläft bis neun, bekommt viel Besuch, schaut unzählige Filme, spielt so viele Spiele, wie er spielen kann und krebst – nunja – halt so rum. In seinem Zimmer sind Medikamente verstreut, auf einem kleinen Tisch liegt ein Ordner des Palliativdienstes. Alle drei Tage werden die Morphiumpflaster ausgewechselt, später wird das Intervall auf zwei Tage verkürzt. Dazu gibt es Morphiumlutscher, die aber nicht ganz so viel bringen.

PLATZ 05: The Last of Us
Mit seiner Mitbewohnerin hat Dmitrij früher „Red Dead Redemption“ gespielt, sie ritt, er schoss. Jetzt sitzen sie wieder auf dem Sofa und zocken „Uncharted 4“. Dmitrij ist überwältigt von der Schönheit des Spiels, seit „The Last of Us“ hat ihm keine Grafik mehr so imponiert, allerdings kommt er nur schwer voran. Mit Hirntumor und unter dem Einfluss von Morphium mutiert das Action-Adventure auch im einfachsten Schwierigkeitsgrad zu einer geradezu übermenschlichen Herausforderung. Dmitrij läuft häufig im Kreis und ausgerechnet mit den Rätseln will es nicht mehr klappen, dabei lagen lästige Computerspielrätsel früher ganz klar in Dmitrijs Zuständigkeitsbereich. Wortlos tauschen sie nun die Rollen, wenn wieder einmal Kopfnuss ansteht, überlässt Dmitrij wie zufällig seiner Mitbewohnerin den Controller. Schießen allerdings, das kann Dmitrij immer noch ziemlich gut. „Uncharted 4“ ist das letzte Computerspiel, von dem Dmitrij Panov den Abspann sehen wird.

PLATZ 04: The Legend of Zelda: The Wind Waker
Was kann Dmitrij der Welt hinterlassen? Er kann ja schlecht noch schnell Physik studieren und der Menschheit ein paar bahnbrechende Erkenntnisse zur Quantenphysik mit auf den Weg geben, er kann auch nicht noch schnell die Spiegel-Bestsellerliste erobern oder mit einer Powerballade die iTunes-Charts aufmischen. Und versunkene Königreiche wieder an die Oberfläche bugsieren, so wie in „Legend of Zelda: The Wind Waker“, das wäre arg überambitioniert, sogar ohne Medulloblastom. Aber Dmitrij hat ja Internet und so beschließt er, einen Blog zu starten. „Sterben mit Stil“ möchte er es nennen, aber „Sterben mit Stil“ hat sich leider schon irgendeine Modebloggerin geschnappt, also nennt er seinen Blog „Sterben mit Swag“. „Swag“ wurde als Begriff von dem österreichischen Hip-Hopper Moneyboy bekannt gemacht. Dann kam es, wie es kommen musste: Die Senfautomaten vom Duden wurden 2011 auf einer ihrer Gammelfleischpartys auf das Wort aufmerksam und jazzten es zum Jugendwort des Jahres hoch. Seitdem hat der Begriff „Swag“ natürlich einiges an Swag eingebüßt, es sei denn, man benutzt das Wort mit Swag – so wie Dmitrij in seinem Blog. Hier schreibt er fortan über Spiele, Filme, sein Leben und seine Krankheit, oft im beiläufigen, etwas schnodderigen Stil, es fallen dann auch mal Sätze wie „Hirnwasser praktisch zellfrei, auch ganz geil“. Bald wird „Sterben mit Swag“ auch in den Medien ein Thema, auf VICE erscheint ein großer Artikel und ebenso bei Spiegel Online. Seine Mitbewohnerin muss fortan aufdringliche Journalisten abwehren, bekommt beleidigende Emails, Leute versuchen sogar herauszufinden, wo Dmitrij wohnt und in welchem Hospiz er liegt. Doch Dmitrij schafft es tatsächlich, der Menschheit etwas zu hinterlassen und zwar nicht nur seinen Blog, ganz nebenbei rehabilitiert er quasi im Alleingang das Wörtchen „Swag“.

PLATZ 03: Final Fantasy VII
Wie also ist das, wenn man im Computerspiel stirbt und weiß, dass man im echten Leben bald sterben muss? Versetzt einem jeder Spieletod einen Stich? Kommt jedes Mal wieder aufs Neue all das hoch, was man eigentlich verdrängen möchte? Macht es einen wahnsinnig, dass es im Spiel trotz Tod immer weitergeht und man notfalls ganz von vorne beginnen kann, während man sich in der Kohlenstoffwelt unweigerlich dem Punkt nähert, an dem gar nichts mehr weitergeht? Nichts davon. Das dauernde Sterben im Spiel hat für Dmitrij eine therapeutische Wirkung, die permanente Konfrontation mit dem virtuellen Ableben hilft ihm dabei, sein eigenes Sterben zu verarbeiten. Das gilt auch für „That Dragon, Cancer“, hier geht es um den Krebstod eines kleinen Jungen. Das Spiel erscheint kurze Zeit nachdem der Arzt Dmitrij mitteilt, dass er bald sterben wird, eine Tatsache, die Dmitrij als etwas ironischen Kommentar des Schicksals interpretiert. Ein Freund schenkt ihm einen Code, Dmitrij spielt „That Dragon, Cancer“ an einem Nachmittag durch und ist begeistert. Er mag den Gedanken, dass man auch aus den grauenhaftesten Dingen, wie dem Krebstod eines kleinen Jungen, Kunst machen kann.

PLATZ 02: Planescape Torment
Dmitrij glaubt an ein Leben nach dem Tod, er ist ein sehr religiöser Mensch und man kann über Religion bestimmt viel Schlechtes sagen, aber für Dmitrij ist sie eine große Hilfe. Er macht einen resignierten, aber keineswegs deprimierten Eindruck. Dmitrij ist Determinist und Pragmatiker, natürlich ist das mit dem Hirntumor wirklich suboptimal gelaufen, aber es lässt sich nun mal nicht ändern und jetzt gilt es eben, das Beste aus dieser maximal beschissenen Situation zu machen. Jeder muss irgendwann sterben, ihn hat es jetzt nun mal recht früh getroffen, aber sogar das ist Ansichtssache: Bei seiner Geburt gab es Komplikationen, Dmitrij musste wiederbelebt werden, als Nickname verwendet er deswegen in Computerspielen gerne „Todgeborener“.

PLATZ 01: The Legend of Zelda: Ocarina of Time
Irgendwann kommt die Mitteilung, dass Dmitrij jetzt im Hospiz lebt. Dort döst er, lächelt vor sich hin. Wenn er wach ist, dann er freut sich über Besuch und spricht über schöne Dinge aus der Vergangenheit, über die Zeit mit seiner Mitbewohnerin, über das gemeinsame Kaninchen. Dann nickt er wieder ein, Menschen, die ihn gut kennen, sagen, dass er im Kopf oft schon woanders ist, dass er „fliegt“.

CHRISTIAN SCHIFFER hat Dmitrij im Juli 2016 besucht. Die Top 10-Liste entstand beim gemeinsamen Spaghetti-Essen. Er hätte sich gewünscht, dass Dmitrij diesen Text noch lesen kann.