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WASD11 - Die Revolution frisst ihre Kinder

Revolution 1979: Black Friday

DIE REVOLUTION FRISST IHRE KINDER

von Gilda Sahebi

Teheran, 1978: Die Stimmung ist aufgeheizt, denn die Rückkehr Ajatollah Khomeinis steht kurz bevor. Revolution 1979: Black Friday handelt von der islamischen Revolution im Iran und erzählt die Geschichte des jungen Fotojournalisten Reza Shirazi – und
 damit auch die Geschichte meiner eigenen Familie.

Kann man ein Computerspiel erfolgreich zu Ende bringen – und dabei zutiefst traurig sein ? Man kann. Zumindest mir geht es so, als der Bildschirm irgendwann anzeigt, dass ich alle Kapitel von 1979 Revolution: Black Friday durchgespielt habe. Traurig bin ich nicht nur, weil einer der zentralen Charaktere – zumindest in der Folge meiner Spielentscheidungen – am Ende stirbt. Traurig bin ich vor allem deswegen, weil 1979 sich für mich weniger wie ein Computerspiel anfühlt als vielmehr wie eine Reise in eine zerstörerische Zeit. Denn dieses Spiel bringt mir ein Ereignis nahe, bei dem ich zwar noch nicht geboren war, das aber das Leben meiner Familie und mein Herkunftsland Iran wie kaum etwas anderes bestimmt hat: die islamische Revolution.

Als ich ein paar Tage vorher das Computerspiel herunterlade, weiß ich nicht, was mich erwartet. Vor 20 Jahren habe ich gerne The Legend of Zelda gespielt, heute allerdings habe ich mit Computerspielen in etwa so viel zu tun wie pubertierende Jungs mit den Romanen von Rosamunde Pilcher. Aber gleich nach der Installation schlägt mich die Geschichte des Hauptcharakters Reza Shirazi in ihren Bann, vor allem, weil die Erlebnisse Rezas und seiner Familie exemplarisch stehen für das, was so viele iranische Familien zu jener Zeit erlebt haben, eben auch meine. Ich kenne die Ereignisse jener Tage und Wochen von Erzählungen meiner Eltern und Verwandten; so plastisch habe ich sie aber nie vor Augen gehabt. Das gelingt dem Spiel vor allem auch dank der vieler Ton- und Zeitdokumente, die 1979 zu einer kleinen historischen Fundgrube machen. Sicher, es gibt Filme über die Iranische Revolution wie zum Beispiel „Argo“, nur spielen in einem solchen Hollywood-Schinken die Schicksale der Iraner, von denen hunderte und tausende in Folterkellern verschwanden oder ermordet wurden, keine Rolle.

Auch mein damals 13 Jahre alter Onkel und mein Großvater wurden in den Tagen der Revolution inhaftiert. Die Szenen im Evin-Gefängnis in Teheran, in das Reza und sein Bruder Hossein verschleppt werden, lassen mich daran denken. Die Frage, ob meine Verwandten auch so misshandelt wurden wie die zwei Brüder im Spiel, verdränge ich allerdings schnell wieder.

In mehreren Kapiteln bewegt sich Reza durch das revolutionäre Chaos auf den Straßen Teherans – und trifft auf so viele Details, von denen ich trotz Erzählungen meiner Eltern nichts wusste. Zum Beispiel, dass Tonbänder durch alle Hände gingen und das vorrangige Medium zur Verbreitung revolutionärer Botschaften waren. Zwischendrin rufe ich meinen Vater an und frage ihn, ob er sich daran erinnern kann. Er kann. Und auch daran, dass er damals Soldat war – und seine Uniform jeden Tag gegen zivile Kleidung eingetauscht hat, um auf den Straßen Teherans mitzudemonstrieren. Als ich ihn frage, wie er dem Kugelhagel entkommen ist, meint er, dass er unfassbares Glück hatte und die Kugeln immer knapp an ihm vorbei schossen. Im Spiel läuft Reza mit seinem Fotoapparat durch die protestierenden Massen – man sieht dann Originalaufnahmen jener Zeit, auf denen genauso gut auch meine Eltern zu sehen sein könnten, wie sie gegen den Schah protestieren.

Auch die hehren Ziele, für die vor allem junge Iraner auf die Straßen gingen, um den Schah zu stürzen, kommen mir bekannt vor. Ich höre den Diskussionen zwischen den Revolutionären Bibi, Ali, Babak, Reza und anderen Aktivisten zu – und habe das Gefühl, zu verstehen, was die Generation meiner Eltern dazu trieb, den Kampf gegen ein System aufzunehmen, das aus heutiger Sicht fast wie der Himmel auf Erden erscheint (was es natürlich nicht war). Ich bin so erpicht darauf, mehr Zeitdokumente zu finden und Gesprächen zu lauschen, dass ich die Spielszenen, in denen ich Reza durch verschiedene gefährliche Situationen hindurch navigieren muss, so ungeduldig hinter mich bringe, dass den armen Reza gefühlt jede Kugel trifft. Das verzögert den Spielfortgang natürlich ungemein, doch dann endlich, nach dem fünften „Du bist umgebracht worden“, gelingt es mir, Reza den sinnlosen Tod zu ersparen.

Was mich erstaunt, ist zu sehen, wie sehr sich die Familiengeschichten vieler Iraner gleichen, die die Zeit des Schahs und der Revolution erlebt haben. Besonders rühren mich die Aufnahmen von Familienvideos, die Reza im Hause seiner Eltern findet. Es sind Erinnerungen an eine iranische Gesellschaft der Sechziger- und Siebzigerjahre, die zwar politisch nicht frei war, die aber viele der persönlichen Freiheiten erlaubte, die es heute nicht mehr gibt. Sie erinnern mich an Fotos meiner Eltern und unserer Familien, lässig posierend mit Schlaghosen und Sonnenbrillen auf der Nase, wie sie heute wieder hip sind, die Männer unbeschwert mit unverschleierten Frauen. Auch die Verwandten, die von Reza am Flughafen verabschiedet werden, gab es in meiner Familie. Viele meiner Onkel und Tanten gingen in den Jahren vor der Revolution zum Studieren ins Ausland – in die USA, nach Kanada, England, Deutschland und Österreich. Damals waren Iraner gern gesehene Einwanderer und Austauschstudenten. Heute versucht ein amerikanischer Präsident, ihnen das Reisen zu verbieten.

Mein Gefühl der Vertrautheit wird verstärkt durch die Sprache der Charaktere. Immer wieder werfen sie Worte auf Farsi in die Gespräche ein, Bruder, baradar, mein Freund, dusdam, Mutter, madar. Sogar die Eigenart iranischer Eltern, sich immer Sorgen zu machen, auch darüber, ob die Kinder genug essen, finden sich in einer Szene beim Abendessen wieder. Aber so wie diese Dinge mich positiv berühren, bringen mich andere Aspekte regelrecht in Rage. Reden von Khomeini zu hören, wie er über seine hehren Ziele redet, dass es ihm nicht um persönliche Macht gehe und er nur das Wohl des iranischen Volkes im Sinn habe – mit dem Wissen, wie viele Menschen dieser Diktator auf dem Gewissen hat, wie viele Familien er zerrissen hat, wie viel Unglück er über das Land und die Menschen gebracht hat, bei mir löst das einen einzigen Brechreiz aus. Ich habe meine Eltern oft gefragt, wie es sein konnte, dass sie und viele andere Iraner auf diesen Betrüger reingefallen und ihm bis in den Abgrund gefolgt sind. Rezas Geschichte aber zeigt junge Menschen, die nicht radikal oder dumm waren, sondern die Vorstellungen von einer besseren Welt hatten, vermutlich die gleichen, die in den vergangenen Jahren Menschen in arabischen Staaten dazu gebracht haben, gegen ihre Diktatoren zu rebellieren. Es fällt schwer, solchen Menschen Vorhaltungen zu machen, wie sie jemanden wie Khomeini unterstützen konnten. Wenn es je eine Rebellion gab, auf die dieser Satz zutraf, dann ist es die iranische: Die Revolution frisst ihre Kinder.

Ganz zu Anfang des Spiels läuft eine Musik, eine Musik, von der ich jedes Mal Gänsehaut bekomme, wenn ich sie höre. Eine Musik, die jeder Iraner kennt, weil sie die ganze Tragödie der iranischen Geschichte in ein paar Klänge gießt. Seit ich 1979: Revolution gespielt habe, hallen diese Klänge zum ersten Mal seit langem in mir wider.

GILDA SAHEBI ist Journalistin und arbeitet als Autorin beim Neo Magazin Royale. Das letzte Computerspiel, das sie gespielt hat, war ZELDA.
Revolution 1979: Black Friday DIE REVOLUTION FRISST IHRE KINDER von Gilda Sahebi Teheran, 1978: Die Stimmung ist aufgeheizt, denn die Rückkehr Ajatollah Khomeinis steht kurz bevor.... mehr erfahren »
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Revolution 1979: Black Friday

DIE REVOLUTION FRISST IHRE KINDER

von Gilda Sahebi

Teheran, 1978: Die Stimmung ist aufgeheizt, denn die Rückkehr Ajatollah Khomeinis steht kurz bevor. Revolution 1979: Black Friday handelt von der islamischen Revolution im Iran und erzählt die Geschichte des jungen Fotojournalisten Reza Shirazi – und
 damit auch die Geschichte meiner eigenen Familie.

Kann man ein Computerspiel erfolgreich zu Ende bringen – und dabei zutiefst traurig sein ? Man kann. Zumindest mir geht es so, als der Bildschirm irgendwann anzeigt, dass ich alle Kapitel von 1979 Revolution: Black Friday durchgespielt habe. Traurig bin ich nicht nur, weil einer der zentralen Charaktere – zumindest in der Folge meiner Spielentscheidungen – am Ende stirbt. Traurig bin ich vor allem deswegen, weil 1979 sich für mich weniger wie ein Computerspiel anfühlt als vielmehr wie eine Reise in eine zerstörerische Zeit. Denn dieses Spiel bringt mir ein Ereignis nahe, bei dem ich zwar noch nicht geboren war, das aber das Leben meiner Familie und mein Herkunftsland Iran wie kaum etwas anderes bestimmt hat: die islamische Revolution.

Als ich ein paar Tage vorher das Computerspiel herunterlade, weiß ich nicht, was mich erwartet. Vor 20 Jahren habe ich gerne The Legend of Zelda gespielt, heute allerdings habe ich mit Computerspielen in etwa so viel zu tun wie pubertierende Jungs mit den Romanen von Rosamunde Pilcher. Aber gleich nach der Installation schlägt mich die Geschichte des Hauptcharakters Reza Shirazi in ihren Bann, vor allem, weil die Erlebnisse Rezas und seiner Familie exemplarisch stehen für das, was so viele iranische Familien zu jener Zeit erlebt haben, eben auch meine. Ich kenne die Ereignisse jener Tage und Wochen von Erzählungen meiner Eltern und Verwandten; so plastisch habe ich sie aber nie vor Augen gehabt. Das gelingt dem Spiel vor allem auch dank der vieler Ton- und Zeitdokumente, die 1979 zu einer kleinen historischen Fundgrube machen. Sicher, es gibt Filme über die Iranische Revolution wie zum Beispiel „Argo“, nur spielen in einem solchen Hollywood-Schinken die Schicksale der Iraner, von denen hunderte und tausende in Folterkellern verschwanden oder ermordet wurden, keine Rolle.

Auch mein damals 13 Jahre alter Onkel und mein Großvater wurden in den Tagen der Revolution inhaftiert. Die Szenen im Evin-Gefängnis in Teheran, in das Reza und sein Bruder Hossein verschleppt werden, lassen mich daran denken. Die Frage, ob meine Verwandten auch so misshandelt wurden wie die zwei Brüder im Spiel, verdränge ich allerdings schnell wieder.

In mehreren Kapiteln bewegt sich Reza durch das revolutionäre Chaos auf den Straßen Teherans – und trifft auf so viele Details, von denen ich trotz Erzählungen meiner Eltern nichts wusste. Zum Beispiel, dass Tonbänder durch alle Hände gingen und das vorrangige Medium zur Verbreitung revolutionärer Botschaften waren. Zwischendrin rufe ich meinen Vater an und frage ihn, ob er sich daran erinnern kann. Er kann. Und auch daran, dass er damals Soldat war – und seine Uniform jeden Tag gegen zivile Kleidung eingetauscht hat, um auf den Straßen Teherans mitzudemonstrieren. Als ich ihn frage, wie er dem Kugelhagel entkommen ist, meint er, dass er unfassbares Glück hatte und die Kugeln immer knapp an ihm vorbei schossen. Im Spiel läuft Reza mit seinem Fotoapparat durch die protestierenden Massen – man sieht dann Originalaufnahmen jener Zeit, auf denen genauso gut auch meine Eltern zu sehen sein könnten, wie sie gegen den Schah protestieren.

Auch die hehren Ziele, für die vor allem junge Iraner auf die Straßen gingen, um den Schah zu stürzen, kommen mir bekannt vor. Ich höre den Diskussionen zwischen den Revolutionären Bibi, Ali, Babak, Reza und anderen Aktivisten zu – und habe das Gefühl, zu verstehen, was die Generation meiner Eltern dazu trieb, den Kampf gegen ein System aufzunehmen, das aus heutiger Sicht fast wie der Himmel auf Erden erscheint (was es natürlich nicht war). Ich bin so erpicht darauf, mehr Zeitdokumente zu finden und Gesprächen zu lauschen, dass ich die Spielszenen, in denen ich Reza durch verschiedene gefährliche Situationen hindurch navigieren muss, so ungeduldig hinter mich bringe, dass den armen Reza gefühlt jede Kugel trifft. Das verzögert den Spielfortgang natürlich ungemein, doch dann endlich, nach dem fünften „Du bist umgebracht worden“, gelingt es mir, Reza den sinnlosen Tod zu ersparen.

Was mich erstaunt, ist zu sehen, wie sehr sich die Familiengeschichten vieler Iraner gleichen, die die Zeit des Schahs und der Revolution erlebt haben. Besonders rühren mich die Aufnahmen von Familienvideos, die Reza im Hause seiner Eltern findet. Es sind Erinnerungen an eine iranische Gesellschaft der Sechziger- und Siebzigerjahre, die zwar politisch nicht frei war, die aber viele der persönlichen Freiheiten erlaubte, die es heute nicht mehr gibt. Sie erinnern mich an Fotos meiner Eltern und unserer Familien, lässig posierend mit Schlaghosen und Sonnenbrillen auf der Nase, wie sie heute wieder hip sind, die Männer unbeschwert mit unverschleierten Frauen. Auch die Verwandten, die von Reza am Flughafen verabschiedet werden, gab es in meiner Familie. Viele meiner Onkel und Tanten gingen in den Jahren vor der Revolution zum Studieren ins Ausland – in die USA, nach Kanada, England, Deutschland und Österreich. Damals waren Iraner gern gesehene Einwanderer und Austauschstudenten. Heute versucht ein amerikanischer Präsident, ihnen das Reisen zu verbieten.

Mein Gefühl der Vertrautheit wird verstärkt durch die Sprache der Charaktere. Immer wieder werfen sie Worte auf Farsi in die Gespräche ein, Bruder, baradar, mein Freund, dusdam, Mutter, madar. Sogar die Eigenart iranischer Eltern, sich immer Sorgen zu machen, auch darüber, ob die Kinder genug essen, finden sich in einer Szene beim Abendessen wieder. Aber so wie diese Dinge mich positiv berühren, bringen mich andere Aspekte regelrecht in Rage. Reden von Khomeini zu hören, wie er über seine hehren Ziele redet, dass es ihm nicht um persönliche Macht gehe und er nur das Wohl des iranischen Volkes im Sinn habe – mit dem Wissen, wie viele Menschen dieser Diktator auf dem Gewissen hat, wie viele Familien er zerrissen hat, wie viel Unglück er über das Land und die Menschen gebracht hat, bei mir löst das einen einzigen Brechreiz aus. Ich habe meine Eltern oft gefragt, wie es sein konnte, dass sie und viele andere Iraner auf diesen Betrüger reingefallen und ihm bis in den Abgrund gefolgt sind. Rezas Geschichte aber zeigt junge Menschen, die nicht radikal oder dumm waren, sondern die Vorstellungen von einer besseren Welt hatten, vermutlich die gleichen, die in den vergangenen Jahren Menschen in arabischen Staaten dazu gebracht haben, gegen ihre Diktatoren zu rebellieren. Es fällt schwer, solchen Menschen Vorhaltungen zu machen, wie sie jemanden wie Khomeini unterstützen konnten. Wenn es je eine Rebellion gab, auf die dieser Satz zutraf, dann ist es die iranische: Die Revolution frisst ihre Kinder.

Ganz zu Anfang des Spiels läuft eine Musik, eine Musik, von der ich jedes Mal Gänsehaut bekomme, wenn ich sie höre. Eine Musik, die jeder Iraner kennt, weil sie die ganze Tragödie der iranischen Geschichte in ein paar Klänge gießt. Seit ich 1979: Revolution gespielt habe, hallen diese Klänge zum ersten Mal seit langem in mir wider.

GILDA SAHEBI ist Journalistin und arbeitet als Autorin beim Neo Magazin Royale. Das letzte Computerspiel, das sie gespielt hat, war ZELDA.