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WASD 12: Wanderkitsch

Nein zu walking-Simulatoren

Wanderkitsch

von Christian Alt

Walking-Simulatoren machen keinen Spaß – und das ist nicht weiter schlimm. Schlimm sind an Walking-Simulatoren allerdings ganz andere Dinge. Eine Abrechnung.

Ich war neulich wandern – es war furchtbar. Zuerst war da die Hinfahrt, auf der meine Freundin und ich uns wegen einem Wurstbrot in Haare kriegten (Stichwort: Wo ist die Leberkas-Semmel ?). Zum Streiten war ja genug Zeit, denn wenn man von München aus in die Berge fährt, dann steckt man im Stau, genau wie die anderen Vollidioten, die jetzt, wo das Thermometer mal kurz über 25 Grad klettert, auch alle unbedingt in die Berge müssen. Das lässt Zeit fürs People Watching: Vor uns, im grünen Land Rover, reißt der Familienvater seinem Kind das iPhone aus der Hand, brüllt und gestikuliert wild in Richtung südliches Alpenvorland, aus dem Twingo rechts neben uns dröhnt durch geschlossene Scheiben das Beste aus den 80ern, 90ern und von heute, damit es zu ja keiner peinlichen Stille kommt, und das Paar im VW Passat links neben uns schreit sich so sehr an, wahrscheinlich hat auch sie die Leberkas-Semmel vergessen.

Aber nicht nur die Fahrt zum Wandern ist schlimm. Auch das Wandern an sich nervt. Man stapft mit anderen Volltrotteln stumpf zu einem Ort, an dem es marginal weniger Volltrottel gibt, dafür aber Stille, viel Natur und die Beziehungsprobleme, die man seit Jahren mit sich rumschleppt, die aber nie ausgesprochen werden. Hier, auf der Wanderung, wird es dann Zeit, reinen Tisch zu machen, damit man auf der Rückfahrt gedetoxed im Stau stehen kann. Die Natur auf einer Wanderung nervt eh. Totgeglotze Bäume, totfotografierte Postkarten-Seen und totbewunderte Wasserfälle warten nur darauf, von mir beachtet zu werden. Was sag ich ? Beim Wandern geht es nicht nur ums Beachten, es geht um eine ernsthafte Naturerfahrung, ins Angesicht der Schöpfung Gottes zu treten, Kontakt mit Erdenmutter Gaia aufzunehmen. Kurz: Wandern ist sehr, sehr langweilig.

Aber warum erzähl ich das alles ? Weil Walking-Simulatoren für mich genauso schlimm sind wie eine Wanderung in den Alpen. Da wäre zum einen die erzählerische Großspurigkeit. Wenn die Spielepresse schreibt, Gone Home erzähle eine wunderbare Coming-of-Age-Geschichte, wird mir schlecht. Wäre die Geschichte von Gone Home ein Buch, es würde für 1,99 an der Kasse bei Penny liegen. Genauso Dear Esther: verschwurbeltes und gefühliges Mumbojumbo. Everybody’s gone to the rapture: sterbenslangweiliger Eso-Kitsch. Walking-Simulatoren sind genauso gut und genauso schlecht geschrieben wie ihre Triple-A-Kollegen. Die einzige Ausnahme: Firewatch. Ein toll erzähltes Spiel eingebettet in einer tollen Welt. Das Problem von Firewatch ist nur: Es ist ein Walking-Simulator. Denn auch wenn Walking-Simulatoren gut erzählen – sie sind immer noch kreuzfad.

In Firewatch rennt man als Forsthelfer durch einen brandgefährdeten und brandgefährlichen Wald (bitte 5 Euro in die Jörg-Langer-Wortspielkasse, danke). Die einzige Ausrüstung ist ein Walkie-Talkie und eine Karte. Ansonsten läuft man nur rum, plauscht mit der anderen Parkwächterin Delilah und merkt, wie sich meine Hauptfigur langsam in sie verliebt. Das ist nett, manchmal sogar brillant. Aber spätestens nach ein paar Stunden steigt in mir die Langeweile auf, übernimmt die Kontrolle wie ein starkes Nervengift. Denn während ich da so langlaufe und mir die Beziehungsprobleme meiner Hauptfigur anhöre, denke ich: Shit, das ist ja genauso schlimm, wie selbst wandern zu gehen. Die großen Themen, Liebe, Freundschaft, Tod – alle tauchen auf. Nur ohne nervigen Stau. Ich schau immer öfter auf mein Handy. Ich höre Delilah genauso wenig zu wie meiner Freundin und hab plötzlich die Switch in der Hand. Während Delilah mich anfunkt, mich anfleht, mit ihr zu reden, klettere ich mit Link durch einen echten Videospielwald, erschlage Oger, mache Feuer, erschieße Fledermäuse und koch sie mir auf kleiner Flamme. Keine Wanderung, sondern purer Eskapismus. Wenn ich jetzt noch rausfinde, wie man in Breath of the Wild eine Leberkas-Semmel craftet, bin ich restlos glücklich.

Wenn Christian Alt nicht für die WASD schreibt, ist er Talking Simulator beim Bayerischen Rundfunk.
Nein zu walking-Simulatoren Wanderkitsch von Christian Alt Walking-Simulatoren machen keinen Spaß – und das ist nicht weiter schlimm. Schlimm sind an Walking-Simulatoren allerdings... mehr erfahren »
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WASD 12: Wanderkitsch

Nein zu walking-Simulatoren

Wanderkitsch

von Christian Alt

Walking-Simulatoren machen keinen Spaß – und das ist nicht weiter schlimm. Schlimm sind an Walking-Simulatoren allerdings ganz andere Dinge. Eine Abrechnung.

Ich war neulich wandern – es war furchtbar. Zuerst war da die Hinfahrt, auf der meine Freundin und ich uns wegen einem Wurstbrot in Haare kriegten (Stichwort: Wo ist die Leberkas-Semmel ?). Zum Streiten war ja genug Zeit, denn wenn man von München aus in die Berge fährt, dann steckt man im Stau, genau wie die anderen Vollidioten, die jetzt, wo das Thermometer mal kurz über 25 Grad klettert, auch alle unbedingt in die Berge müssen. Das lässt Zeit fürs People Watching: Vor uns, im grünen Land Rover, reißt der Familienvater seinem Kind das iPhone aus der Hand, brüllt und gestikuliert wild in Richtung südliches Alpenvorland, aus dem Twingo rechts neben uns dröhnt durch geschlossene Scheiben das Beste aus den 80ern, 90ern und von heute, damit es zu ja keiner peinlichen Stille kommt, und das Paar im VW Passat links neben uns schreit sich so sehr an, wahrscheinlich hat auch sie die Leberkas-Semmel vergessen.

Aber nicht nur die Fahrt zum Wandern ist schlimm. Auch das Wandern an sich nervt. Man stapft mit anderen Volltrotteln stumpf zu einem Ort, an dem es marginal weniger Volltrottel gibt, dafür aber Stille, viel Natur und die Beziehungsprobleme, die man seit Jahren mit sich rumschleppt, die aber nie ausgesprochen werden. Hier, auf der Wanderung, wird es dann Zeit, reinen Tisch zu machen, damit man auf der Rückfahrt gedetoxed im Stau stehen kann. Die Natur auf einer Wanderung nervt eh. Totgeglotze Bäume, totfotografierte Postkarten-Seen und totbewunderte Wasserfälle warten nur darauf, von mir beachtet zu werden. Was sag ich ? Beim Wandern geht es nicht nur ums Beachten, es geht um eine ernsthafte Naturerfahrung, ins Angesicht der Schöpfung Gottes zu treten, Kontakt mit Erdenmutter Gaia aufzunehmen. Kurz: Wandern ist sehr, sehr langweilig.

Aber warum erzähl ich das alles ? Weil Walking-Simulatoren für mich genauso schlimm sind wie eine Wanderung in den Alpen. Da wäre zum einen die erzählerische Großspurigkeit. Wenn die Spielepresse schreibt, Gone Home erzähle eine wunderbare Coming-of-Age-Geschichte, wird mir schlecht. Wäre die Geschichte von Gone Home ein Buch, es würde für 1,99 an der Kasse bei Penny liegen. Genauso Dear Esther: verschwurbeltes und gefühliges Mumbojumbo. Everybody’s gone to the rapture: sterbenslangweiliger Eso-Kitsch. Walking-Simulatoren sind genauso gut und genauso schlecht geschrieben wie ihre Triple-A-Kollegen. Die einzige Ausnahme: Firewatch. Ein toll erzähltes Spiel eingebettet in einer tollen Welt. Das Problem von Firewatch ist nur: Es ist ein Walking-Simulator. Denn auch wenn Walking-Simulatoren gut erzählen – sie sind immer noch kreuzfad.

In Firewatch rennt man als Forsthelfer durch einen brandgefährdeten und brandgefährlichen Wald (bitte 5 Euro in die Jörg-Langer-Wortspielkasse, danke). Die einzige Ausrüstung ist ein Walkie-Talkie und eine Karte. Ansonsten läuft man nur rum, plauscht mit der anderen Parkwächterin Delilah und merkt, wie sich meine Hauptfigur langsam in sie verliebt. Das ist nett, manchmal sogar brillant. Aber spätestens nach ein paar Stunden steigt in mir die Langeweile auf, übernimmt die Kontrolle wie ein starkes Nervengift. Denn während ich da so langlaufe und mir die Beziehungsprobleme meiner Hauptfigur anhöre, denke ich: Shit, das ist ja genauso schlimm, wie selbst wandern zu gehen. Die großen Themen, Liebe, Freundschaft, Tod – alle tauchen auf. Nur ohne nervigen Stau. Ich schau immer öfter auf mein Handy. Ich höre Delilah genauso wenig zu wie meiner Freundin und hab plötzlich die Switch in der Hand. Während Delilah mich anfunkt, mich anfleht, mit ihr zu reden, klettere ich mit Link durch einen echten Videospielwald, erschlage Oger, mache Feuer, erschieße Fledermäuse und koch sie mir auf kleiner Flamme. Keine Wanderung, sondern purer Eskapismus. Wenn ich jetzt noch rausfinde, wie man in Breath of the Wild eine Leberkas-Semmel craftet, bin ich restlos glücklich.

Wenn Christian Alt nicht für die WASD schreibt, ist er Talking Simulator beim Bayerischen Rundfunk.