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WASD 13: Spielen statt Sterben

Abdullah Karam über seine Liebe zu Games in Zeiten des Krieges

Spielen statt Sterben

von Jan Bojaryn

Er ist vor dem Krieg in Syrien geflüchtet und hat von Österreich aus mit dem Spiel PATH OUT für Aufsehen gesorgt. Abdullah Karam erklärt uns, was Spiele für ihn bedeutet haben – und was sie ihm heute bedeuten.

Abdullah hat den Kopf voll, und auch den Stundenplan. Auf seine begeisterte Zusage zum Interview folgen Probleme bei der Terminfindung. Den ersten Anlauf zum Gespräch verpasst er, beim zweiten muss er dringend einem Freund helfen und sagt ab. Der dritte klappt. Wie erleichtert schreit er die Begrüßung ins Telefon.

Hallo Abdullah, hast du jetzt Zeit?
Ja, ich habe gerade Pause in der Berufsschule. Und jetzt, wo wir uns endlich sprechen, geht es mir viel besser.

Gut. Ich habe PATH OUT gespielt und weiß deswegen, dass du dich als Gamer siehst.
Ja, ich spiele alles. Ich liebe Spiele, die dich zum Denken bringen; in denen du Skills aufbaust. COUNTER-STRIKE ist da ein gutes Beispiel. Ich liebe aber auch Spiele mit einer guten Geschichte, WITCHER 3 zum Beispiel.

Zwei sehr verschiedene Beispiele ...
Ich sage ja, ich spiele alles. Ich bin ganz offen.

COUNTER-STRIKE finde ich ja etwas unappetitlich. Stört es dich nicht, wenn möglichst realistische Gewalt als etwas Cooles inszeniert wird?
Für mich ist das nur ein Spiel. Das spiele ich mit Freunden, um Spaß mit ihnen zu haben, zu kommunizieren, Witze zu machen. Mehr nicht! Ich sehe das Spiel gar nicht als brutal, für mich ist es eher wie Schach. Du musst sehr strategisch denken und klüger sein als deine Freunde.

Und kommst du jetzt überhaupt noch zum Spielen?
Du meinst wie bei einem Koch, der nach Feierabend kein Essen mehr sehen kann? Nein, ich kann den ganzen Tag am Computer sitzen und wenn ich Zeit habe, spiele ich trotzdem. Ich arbeite eine Liste mit Spielen seit 2013 ab. Darauf stehen 300 Titel, und ich habe erst drei gespielt.

Du hast aber auch schon in Syrien viel gespielt?
Ja, der große Traum war damals die Xbox 360. Meine Familie hatte nicht viel Geld, aber 2010 konnten wir uns endlich eine leisten. Und dann begann eine besondere Zeit in meinem Leben. Mir standen Spiele von 2005 bis 2013 offen, bis zum Start von PS4 und Xbox One.

Und im Krieg hattest du Zeit dazu?
Mein Tag sah so aus: aufstehen, von der Familie verabschieden, die du vielleicht nie wiedersehen wirst, weil du vielleicht stirbst, zur Schule gehen, und danach bloß schnell nach Hause, keine Freunde treffen, niemandem vertrauen, einfach zu Hause einschließen. Meine besten Freunde waren die Xbox, die Musik – und meine Mutter. Ja, das war mein Leben. Bis zu meinem 18. Lebensjahr habe ich eigentlich wie ein Kind gelebt und hatte kein Sozialleben. Das war okay für mich, aber es hat mich natürlich eingeschränkt. Allerdings habe ich beim Spielen immerhin Englisch gelernt.

Abdullahs Englisch ist absolut flüssig. Und er kann auch am Telefon reden wie ein Youtuber – mit demonstrativer Herzlichkeit. Dass er einmal sozial gehemmt gewesen sein soll, ist schwer vorstellbar.

Also waren Spiele dein Zufluchtsort, während es draußen bergab ging?
Ja; ein Ort, um vor der ganzen Welt zu flüchten.

Und jetzt machst du das Gegenteil und stürzt dich mit PATH OUT in den Konflikt. Ich war beeindruckt, wie locker du in den Videos von einem Thema erzählst, auf das ich eher betroffen und verkrampft reagiere.
Wir wollten uns mit den Spielern anfreunden. Wenn du den Ton triffst, wenn andere denken, dass ist ein Gamer wie ich, dann haben wir etwas gemeinsam. Dann wird alles andere unwichtig, deine Nationalität, dein Aussehen, deine Art zu gehen – was weiß ich. Aber die Idee, im Spiel Videos mit mir einzusetzen, kommt von Georg. Das war allein sein Verdienst. Ich fand den Vorschlag erst merkwürdig, aber dann haben die Videos sich als das Herz und die Seele des Spiels herausgestellt.

Und jetzt habe ich eine Frage für dich, sagt Abdullah und holt Luft: Stört es dich, wenn ich was esse, während wir reden? Kein Problem; kauend wird das Gespräch fortgesetzt.

Die lockeren Videos, die niedliche Grafik, das ist ein ziemlicher Kontrast zu den Bildern, die ich sonst in den letzten Jahren aus Syrien sehe. War das Absicht?
Es war schon eine Herausforderung, mit Humor an so ein ernstes Thema heranzugehen, aber wir hatten dabei viel Spaß. Und um ehrlich zu sein, musste ich dabei natürlich auch viel an meine Vergangenheit denken und an meine Herkunft. Aber das macht mich stärker.

Die Entwicklung hat dich noch einmal mit deinen Erfahrungen konfrontiert?
Absolut! Und wenn du sowas durchgemacht hast, dann willst du die Erfahrung teilen. Also, jeder ist anders, aber ich persönlich bin jemand, der über sowas reden will. Und wenn ich mit anderen rede, und wenn sie mir von sich erzählen, dann lerne ich etwas dabei.

Wie geht es dir denn jetzt? Deine Familie ist noch in Syrien?
Ja, bis auf meinen Bruder die ganze Familie. Alle sind noch da. Leider. Ich kann nicht einmal meine Mutter, meinen Vater herholen. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde, und das tut mir weh, das bringt mich um. Ich kann nichts dagegen tun. Ich wünschte, ich könnte.

Hat sich durch die Erfahrungen dein Blick auf Spiele geändert?
Allerdings! Ich verdanke ihnen vermutlich mein Leben. Wenn ich zum Spielen auf die Straße gegangen wäre, dann wäre ich vielleicht angeschossen worden oder getötet. Natürlich liebe ich da Videospiele, sie haben immerhin mein Leben gerettet.

Wie stehst du denn zur Kriegsdarstellung in vielen Spielen? Stört es dich, wenn Krieg in Serien wie CALL OF DUTY zum Entertainment wird?
Naja, Spiele sind das beste Lernwerkzeug überhaupt. Wenn ein Spiel den Krieg als cool verkauft, dann werden Leute das irgendwann auch glauben. Aber es gibt ja Spiele wie PATH OUT oder THIS WAR OF MINE, die dich dazu bringen können, das nochmal zu überdenken. Horrorspiele sind ja auch populär und wenn sie dir etwas beibringen, dann eher, dass sie dir zeigen, was du im Real Life auf keinen Fall erleben willst.

Also siehst du Spiele in der Verantwortung, wenn sie etwas Realistisches zeigen?
Bei Spielen als Bildungswerkzeug sollten wir wirklich vorsichtig sein. Aber ich meine jetzt nicht, dass wir kein GTA machen dürfen, oder so. Das nicht! Wobei, naja, GTA ist vielleicht schon kritisch, in dem Spiel benimmt sich ja fast jeder wie Trevor. Aber darüber habe ich noch nicht allzu viel nachgedacht, ehrlich gesagt.

Und schon muss Abdullah zurück in den Unterricht. Er verabschiedet sich fröhlich, mit vollem Mund.

JAN BOJARYN schreibt als freier Autor über Videospiele und andere lebenswichtige Themen. Kontakt und Arbeitsproben: ryn.de
Abdullah Karam über seine Liebe zu Games in Zeiten des Krieges Spielen statt Sterben von Jan Bojaryn Er ist vor dem Krieg in Syrien geflüchtet und hat von Österreich aus mit dem Spiel... mehr erfahren »
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Abdullah Karam über seine Liebe zu Games in Zeiten des Krieges

Spielen statt Sterben

von Jan Bojaryn

Er ist vor dem Krieg in Syrien geflüchtet und hat von Österreich aus mit dem Spiel PATH OUT für Aufsehen gesorgt. Abdullah Karam erklärt uns, was Spiele für ihn bedeutet haben – und was sie ihm heute bedeuten.

Abdullah hat den Kopf voll, und auch den Stundenplan. Auf seine begeisterte Zusage zum Interview folgen Probleme bei der Terminfindung. Den ersten Anlauf zum Gespräch verpasst er, beim zweiten muss er dringend einem Freund helfen und sagt ab. Der dritte klappt. Wie erleichtert schreit er die Begrüßung ins Telefon.

Hallo Abdullah, hast du jetzt Zeit?
Ja, ich habe gerade Pause in der Berufsschule. Und jetzt, wo wir uns endlich sprechen, geht es mir viel besser.

Gut. Ich habe PATH OUT gespielt und weiß deswegen, dass du dich als Gamer siehst.
Ja, ich spiele alles. Ich liebe Spiele, die dich zum Denken bringen; in denen du Skills aufbaust. COUNTER-STRIKE ist da ein gutes Beispiel. Ich liebe aber auch Spiele mit einer guten Geschichte, WITCHER 3 zum Beispiel.

Zwei sehr verschiedene Beispiele ...
Ich sage ja, ich spiele alles. Ich bin ganz offen.

COUNTER-STRIKE finde ich ja etwas unappetitlich. Stört es dich nicht, wenn möglichst realistische Gewalt als etwas Cooles inszeniert wird?
Für mich ist das nur ein Spiel. Das spiele ich mit Freunden, um Spaß mit ihnen zu haben, zu kommunizieren, Witze zu machen. Mehr nicht! Ich sehe das Spiel gar nicht als brutal, für mich ist es eher wie Schach. Du musst sehr strategisch denken und klüger sein als deine Freunde.

Und kommst du jetzt überhaupt noch zum Spielen?
Du meinst wie bei einem Koch, der nach Feierabend kein Essen mehr sehen kann? Nein, ich kann den ganzen Tag am Computer sitzen und wenn ich Zeit habe, spiele ich trotzdem. Ich arbeite eine Liste mit Spielen seit 2013 ab. Darauf stehen 300 Titel, und ich habe erst drei gespielt.

Du hast aber auch schon in Syrien viel gespielt?
Ja, der große Traum war damals die Xbox 360. Meine Familie hatte nicht viel Geld, aber 2010 konnten wir uns endlich eine leisten. Und dann begann eine besondere Zeit in meinem Leben. Mir standen Spiele von 2005 bis 2013 offen, bis zum Start von PS4 und Xbox One.

Und im Krieg hattest du Zeit dazu?
Mein Tag sah so aus: aufstehen, von der Familie verabschieden, die du vielleicht nie wiedersehen wirst, weil du vielleicht stirbst, zur Schule gehen, und danach bloß schnell nach Hause, keine Freunde treffen, niemandem vertrauen, einfach zu Hause einschließen. Meine besten Freunde waren die Xbox, die Musik – und meine Mutter. Ja, das war mein Leben. Bis zu meinem 18. Lebensjahr habe ich eigentlich wie ein Kind gelebt und hatte kein Sozialleben. Das war okay für mich, aber es hat mich natürlich eingeschränkt. Allerdings habe ich beim Spielen immerhin Englisch gelernt.

Abdullahs Englisch ist absolut flüssig. Und er kann auch am Telefon reden wie ein Youtuber – mit demonstrativer Herzlichkeit. Dass er einmal sozial gehemmt gewesen sein soll, ist schwer vorstellbar.

Also waren Spiele dein Zufluchtsort, während es draußen bergab ging?
Ja; ein Ort, um vor der ganzen Welt zu flüchten.

Und jetzt machst du das Gegenteil und stürzt dich mit PATH OUT in den Konflikt. Ich war beeindruckt, wie locker du in den Videos von einem Thema erzählst, auf das ich eher betroffen und verkrampft reagiere.
Wir wollten uns mit den Spielern anfreunden. Wenn du den Ton triffst, wenn andere denken, dass ist ein Gamer wie ich, dann haben wir etwas gemeinsam. Dann wird alles andere unwichtig, deine Nationalität, dein Aussehen, deine Art zu gehen – was weiß ich. Aber die Idee, im Spiel Videos mit mir einzusetzen, kommt von Georg. Das war allein sein Verdienst. Ich fand den Vorschlag erst merkwürdig, aber dann haben die Videos sich als das Herz und die Seele des Spiels herausgestellt.

Und jetzt habe ich eine Frage für dich, sagt Abdullah und holt Luft: Stört es dich, wenn ich was esse, während wir reden? Kein Problem; kauend wird das Gespräch fortgesetzt.

Die lockeren Videos, die niedliche Grafik, das ist ein ziemlicher Kontrast zu den Bildern, die ich sonst in den letzten Jahren aus Syrien sehe. War das Absicht?
Es war schon eine Herausforderung, mit Humor an so ein ernstes Thema heranzugehen, aber wir hatten dabei viel Spaß. Und um ehrlich zu sein, musste ich dabei natürlich auch viel an meine Vergangenheit denken und an meine Herkunft. Aber das macht mich stärker.

Die Entwicklung hat dich noch einmal mit deinen Erfahrungen konfrontiert?
Absolut! Und wenn du sowas durchgemacht hast, dann willst du die Erfahrung teilen. Also, jeder ist anders, aber ich persönlich bin jemand, der über sowas reden will. Und wenn ich mit anderen rede, und wenn sie mir von sich erzählen, dann lerne ich etwas dabei.

Wie geht es dir denn jetzt? Deine Familie ist noch in Syrien?
Ja, bis auf meinen Bruder die ganze Familie. Alle sind noch da. Leider. Ich kann nicht einmal meine Mutter, meinen Vater herholen. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde, und das tut mir weh, das bringt mich um. Ich kann nichts dagegen tun. Ich wünschte, ich könnte.

Hat sich durch die Erfahrungen dein Blick auf Spiele geändert?
Allerdings! Ich verdanke ihnen vermutlich mein Leben. Wenn ich zum Spielen auf die Straße gegangen wäre, dann wäre ich vielleicht angeschossen worden oder getötet. Natürlich liebe ich da Videospiele, sie haben immerhin mein Leben gerettet.

Wie stehst du denn zur Kriegsdarstellung in vielen Spielen? Stört es dich, wenn Krieg in Serien wie CALL OF DUTY zum Entertainment wird?
Naja, Spiele sind das beste Lernwerkzeug überhaupt. Wenn ein Spiel den Krieg als cool verkauft, dann werden Leute das irgendwann auch glauben. Aber es gibt ja Spiele wie PATH OUT oder THIS WAR OF MINE, die dich dazu bringen können, das nochmal zu überdenken. Horrorspiele sind ja auch populär und wenn sie dir etwas beibringen, dann eher, dass sie dir zeigen, was du im Real Life auf keinen Fall erleben willst.

Also siehst du Spiele in der Verantwortung, wenn sie etwas Realistisches zeigen?
Bei Spielen als Bildungswerkzeug sollten wir wirklich vorsichtig sein. Aber ich meine jetzt nicht, dass wir kein GTA machen dürfen, oder so. Das nicht! Wobei, naja, GTA ist vielleicht schon kritisch, in dem Spiel benimmt sich ja fast jeder wie Trevor. Aber darüber habe ich noch nicht allzu viel nachgedacht, ehrlich gesagt.

Und schon muss Abdullah zurück in den Unterricht. Er verabschiedet sich fröhlich, mit vollem Mund.

JAN BOJARYN schreibt als freier Autor über Videospiele und andere lebenswichtige Themen. Kontakt und Arbeitsproben: ryn.de