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WASD 14: Schade um die schönen Drogen

Doping im Selbstversuch

Schade um die schönen Drogen

von Jan Bojaryn

Doping gibt es – natürlich im eSport, und im Journalismus sowieso. Aber wie fallen die Leistungssteigerungen konkret aus, wie fühlt sich der Missbrauch an? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Jan Bojaryn ist diesen Weg gegangen.

These

Bestimmte Substanzen können bestimmte Leistungen verbessern. Das glauben alle. Sogar die Antikapitalisten in meinem Stadtviertel boosten ihre Diskussionsrunden mit fair gehandeltem Kaffee. Auch ich lebe in dieser Vorstellungswelt. Kaffee, Wein, Kopfschmerztabletten, Quark-Plunder-Teilchen, alles trägt für mich den Vorgeschmack einer Veränderung. Seit Jahren habe ich keine koffeinfreie Zeile mehr geschrieben.

Gespielt habe ich hingegen schon oft koffeinfrei. Die Ergebnisse sprechen für sich. An Vormittagen regle ich den Schwierigkeitsgrad rauf, am späten Abend, wenn die Augen brennen und die Kinder schlafen, regle ich ihn wieder runter. Aber wie groß und wie nützlich ist der Effekt, wenn ich vor dem Spielen Kaffee trinke? Oder ganz andere Dinge zu mir nehme?

Versuchsaufbau

Drei Substanzen werden getestet: Nikotin (eine Zigarette), Koffein (eine Halbliterdose „Monster“) und Ritalin (10 mg). Die Versuchsfrage: Kann ich damit meine TRIALS-Leistung steigern? TRIALS HD ist ein sehr gut messbares Motorrad-Hindernisspiel. Berühmt ist es für die fast lächerliche Schwierigkeit einer Aufgabe, die sich in Spielen sonst eher einfach anfühlt: Der Fahrer muss möglichst schnell durch einen Parcours fahren, ohne zu stürzen. Gewertet werden die Zahl der Stürze und die Zeit, bis auf die Tausendstelsekunde. Ich bin nicht gut darin, aber ich liebe es. Es geht eine halbe Stunde durch ein und dieselbe Strecke mit dem selbsterklärenden Namen „Rauf und Runter“. Das Ganze im mittleren Schwierigkeitsgrad. Ich rechne mit deutlich mehr Runter als Rauf.

1 Sturz, 58,652 s

Ist meine Bestleistung bisher. Das ist gerade so im oberen Viertel der Leaderboards. Aber ich muss ja nicht gut werden – nur besser als vorher.

I Nikotin

Auch Nikotin soll die Leistung steigern – kurzfristig zumindest. Ich rauche selten genug, um jede Zigarette auch wirklich körperlich zu spüren. Ich ziehe gierig, atme tief ein: Mein Herzschlag beschleunigt sich, meine Finger zittern. So nehme ich auf dem Sofa Platz.

5 Stürze, 1:10,822 s

Präziser bin ich nicht geworden. Gleich bei der ersten gefühlvollen Bremsung überschlage ich mich und lande auf dem Kopf. Siebenmal hintereinander, an derselben Stelle. Der Fahrer liegt mit angezogenen Beinen neben seinem überschlagenen Motorrad, wedelt mit den Armen und grunzt. Ich schaue ihm zu und atme durch.

2 Stürze, 1:00,825 s

Für den ersten halbwegs passablen Versuch brauche ich ungefähr zehn Minuten. Besser hat mich eher die Wiederholung gemacht, nicht das langsam abklingende Sausen nach der Zigarette. Um besser zu werden, muss ich mich in das Spiel vertiefen und alles um mich herum vergessen. Dabei helfen keine Zigaretten.

9 Stürze, 1:37,143 s

Der Lauf ist perfekt, dann werde ich nervös und vergeige alles, wiederhole neunmal hintereinander denselben Sturz, ohne zu verstehen, was ich falsch mache. Vernebelt das Nikotin meine Wahrnehmung?

3 Stürze, 59,659 s

Kurz vor Ablauf der Sitzung werde ich wieder besser, aber irgendwo stürze ich immer; bei jedem Anlauf aufs Neue und wieder woanders. Es fühlt sich an wie eine Niederlage: Ich will einer Zigarette keinen so großen Effekt zubilligen. Was ist mit früher, als ich öfter mal eine geraucht habe? Wie viel besser wäre ich gewesen, wenn ich nicht geraucht hätte?

Ich will einen letzten Versuch fahren, es läuft fantastisch, ich bin stabil zehn Sekunden unter meiner Bestzeit, ohne Stürze, über zwei Drittel durch die Strecke, als ich einen Tacken zu viel beschleunige und meinem Fahrer den Kopf vor einen Metallpfosten ramme. Den Versuch bringe ich nicht mehr zu Ende. Das war es. Ich bleibe minutenlang in meinem Schmerz hocken, bis mich der Kampfgeist packt. Zur Versöhnung brauche ich einen Abschluss, egal wie. Ich fahre eisern durch, und es ist, als würde diese Zeit richtig zählen, der Rest nicht. Meine Finger sind verschwitzt, sie riechen immer noch nach Tabak. Eine Fliege schwirrt mir vor der Nase herum.

8 Stürze, 1:40,946 s

Eine Zeit wie eine schwarz umrahmte Warnung auf der Zigarettenschachtel.

II Energy Drink

Mit Koffein habe ich intensive Erfahrungen gemacht. Ich verspreche mir eine deutliche Leistungssteigerung. Auch die Werbung auf der Dose verspricht eine Menge, erwähnt Koffein aber nur am Rande – vor allen Dingen L-Carnitin, Taurin, Guarana und B-Vitamine sollen mich voranbringen. Sowohl Athleten als auch Nerds werden explizit als Zielgruppe auf der Dose erwähnt. Was kann da schon schiefgehen? Gleich das erste Versprechen wird nicht eingelöst: Der Geschmack ist nicht, wie angekündigt, „intensiv, aber sanft“ – es ist der übliche Schluck aus dem Gummibärchenbottich. Im Nachgeschmack ahne ich Brausevitamintabletten und Aufstoßen. Ich fühle mich wach und lebendig. Schweißperlen stehen auf meiner Stirn. Meine Augen sind maximal geöffnet.

8 Stürze, 1:33,502 s

Ich bin übermotiviert wie ein Stürmer, der nach seiner späten Einwechslung auf den Platz sprintet, einen Verteidiger umtritt und mit Rot vom Platz geschickt wird.

7 Stürze, 1:30,934

Vielleicht hilft mir Koffein nicht mehr, vielleicht bin ich zu abgestumpft. Vielleicht schafft mich auch einfach das Spiel. Vielleicht löse ich mich langsam auf, unabhängig von den Substanzen, die ich in mich hineinschütte.

1 Sturz, 57,162 s

Die Zeit ist besser, aber ich fühle mich nicht so. Statt mich zu freuen, fluche ich vor mich hin, ich hadere mit jeder zu weiten Drehung, jedem Ruckler beim Bergaufbeschleunigen.

1 Sturz, 54,45 s

Erstmals überkommen mich Zweifel, ob TRIALS nicht vielleicht ein dummes Spiel ist, ein schlechtes Spiel. Mein Blick wandert durch das Zimmer, zum Verdunklungsrollo, das die pralle Sonne draußen hält. Dann kippt meine Leistung. Zehn Minuten vor dem Ende bringe ich überhaupt nichts mehr zustande. Alle Versuche enden in Stürzen, ich breche immer wieder vor der Ziellinie ab. Wie Nebel umgeistert mich der Gedanke, noch einen Energy Drink zu trinken. Es ist der Instinkt, in einer Grube hockend weiter zu buddeln. Ich tue es nicht, ich spiele weiter. Der Controller ist nass. Der Fahrer grunzt und grollt, ich äffe ihn nach.

0 Stürze, 1:00,448

Mein erster fehlerfreier Lauf gelingt mir kurz vor Ende. Ich fühle mich besser, aber leer. Längst bin ich verkrampft – mein Fahrer hüpft hin und her, ruckelt die Hügel hinauf, als würde er den Motor abwürgen. Vielleicht trinken das wirklich Fußballspieler kurz bevor sie eingewechselt werden und Rot sehen. Ich nehme mir vor, nie wieder einen Energy Drink zu trinken.

III Ritalin

Schon die Vorbereitung fühlt sich zwielichtig an. Ich schlucke unbeobachtet die erste Ritalin-Tablette meines Lebens und warte auf die Wirkung. Vorerst spüre ich gar nichts. Beschleunigt mein Puls? Kneift mein Magen? Die Fragen sind irrelevant. Wichtig ist nur: Fahre ich besser?

3 Stürze, 1:07,760

Ich fahre tatsächlich ruhiger und konzentrierter. Wenn ich in eine kritische Lage gerate, nehme ich gelassen zur Kenntnis, dass der Fahrer stürzt. Allerdings stürze ich trotzdem.

3 Stürze, 1:34,051

Ich fahre eisern durch, ich bleibe auf meiner mäßigen Leistung sitzen. Es fühlt sich an wie der kalte Abschied einer gescheiterten Liebesbeziehung. Ich will TRIALS nie mehr wiedersehen, aber ich werde meiner Aufgabe gerecht werden und die halbe Stunde durchspielen, Sturz für Sturz. Ich werde langsamer. Sonst ändert sich wenig.

1 Sturz, 53,602 s

In der Resignation erreiche ich Größe. Meine Freude bleibt verhalten. Endlich fühle ich mich nach innen so nüchtern, wie ich nach außen immer aussehe. Beim Fahren werde ich mir selber unheimlich. Wo ist die Stimme in meinem Kopf, die mir pausenlos schlechte Wortspiele einflüstert? Ohne diese Stimme hätte ich keinen Job.

Besser werde ich in der halben Stunde nicht mehr. Ritalin ist ein kleiner Konzentrationsgewinn, ein leichter Tunnelblick. Es ist Langeweile in Tablettenform. Was für eine Enttäuschung.

Fazit

Die intensive Selbstbeobachtung hat höchstwahrscheinlich alle Ergebnisse verfälscht und unbrauchbar gemacht. Mein Eindruck nachher: Es gab Veränderungen, aber eher unspektakulär. Ausschlafen, ein Spaziergang, heiß Duschen, Meditieren, Yoga, Brustschwimmen und Eiscreme bringen nach meiner Erfahrung allesamt mehr als die getesteten Drogen.

Eindeutig schlimmer und schädlicher als die Dopingmittel war in meinem Fall die Spielweise. Die freudlose Wiederholung hat mir einen schweren TRIALS-Kater beschert. Ich kann es nicht mehr sehen. Spielen als Leistungssport ist, abseits aller Legitimitätsdebatten im eSport, furchtbar. So verkrampft spiele ich nicht einmal, wenn ich unter Zeitdruck an einem Text für die WASD schreibe.

JAN BOJARYN schreibt als freier Autor über Videospiele und andere lebenswichtige Themen. Kontakt und Arbeitsproben: ryn.de
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Doping im Selbstversuch

Schade um die schönen Drogen

von Jan Bojaryn

Doping gibt es – natürlich im eSport, und im Journalismus sowieso. Aber wie fallen die Leistungssteigerungen konkret aus, wie fühlt sich der Missbrauch an? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Jan Bojaryn ist diesen Weg gegangen.

These

Bestimmte Substanzen können bestimmte Leistungen verbessern. Das glauben alle. Sogar die Antikapitalisten in meinem Stadtviertel boosten ihre Diskussionsrunden mit fair gehandeltem Kaffee. Auch ich lebe in dieser Vorstellungswelt. Kaffee, Wein, Kopfschmerztabletten, Quark-Plunder-Teilchen, alles trägt für mich den Vorgeschmack einer Veränderung. Seit Jahren habe ich keine koffeinfreie Zeile mehr geschrieben.

Gespielt habe ich hingegen schon oft koffeinfrei. Die Ergebnisse sprechen für sich. An Vormittagen regle ich den Schwierigkeitsgrad rauf, am späten Abend, wenn die Augen brennen und die Kinder schlafen, regle ich ihn wieder runter. Aber wie groß und wie nützlich ist der Effekt, wenn ich vor dem Spielen Kaffee trinke? Oder ganz andere Dinge zu mir nehme?

Versuchsaufbau

Drei Substanzen werden getestet: Nikotin (eine Zigarette), Koffein (eine Halbliterdose „Monster“) und Ritalin (10 mg). Die Versuchsfrage: Kann ich damit meine TRIALS-Leistung steigern? TRIALS HD ist ein sehr gut messbares Motorrad-Hindernisspiel. Berühmt ist es für die fast lächerliche Schwierigkeit einer Aufgabe, die sich in Spielen sonst eher einfach anfühlt: Der Fahrer muss möglichst schnell durch einen Parcours fahren, ohne zu stürzen. Gewertet werden die Zahl der Stürze und die Zeit, bis auf die Tausendstelsekunde. Ich bin nicht gut darin, aber ich liebe es. Es geht eine halbe Stunde durch ein und dieselbe Strecke mit dem selbsterklärenden Namen „Rauf und Runter“. Das Ganze im mittleren Schwierigkeitsgrad. Ich rechne mit deutlich mehr Runter als Rauf.

1 Sturz, 58,652 s

Ist meine Bestleistung bisher. Das ist gerade so im oberen Viertel der Leaderboards. Aber ich muss ja nicht gut werden – nur besser als vorher.

I Nikotin

Auch Nikotin soll die Leistung steigern – kurzfristig zumindest. Ich rauche selten genug, um jede Zigarette auch wirklich körperlich zu spüren. Ich ziehe gierig, atme tief ein: Mein Herzschlag beschleunigt sich, meine Finger zittern. So nehme ich auf dem Sofa Platz.

5 Stürze, 1:10,822 s

Präziser bin ich nicht geworden. Gleich bei der ersten gefühlvollen Bremsung überschlage ich mich und lande auf dem Kopf. Siebenmal hintereinander, an derselben Stelle. Der Fahrer liegt mit angezogenen Beinen neben seinem überschlagenen Motorrad, wedelt mit den Armen und grunzt. Ich schaue ihm zu und atme durch.

2 Stürze, 1:00,825 s

Für den ersten halbwegs passablen Versuch brauche ich ungefähr zehn Minuten. Besser hat mich eher die Wiederholung gemacht, nicht das langsam abklingende Sausen nach der Zigarette. Um besser zu werden, muss ich mich in das Spiel vertiefen und alles um mich herum vergessen. Dabei helfen keine Zigaretten.

9 Stürze, 1:37,143 s

Der Lauf ist perfekt, dann werde ich nervös und vergeige alles, wiederhole neunmal hintereinander denselben Sturz, ohne zu verstehen, was ich falsch mache. Vernebelt das Nikotin meine Wahrnehmung?

3 Stürze, 59,659 s

Kurz vor Ablauf der Sitzung werde ich wieder besser, aber irgendwo stürze ich immer; bei jedem Anlauf aufs Neue und wieder woanders. Es fühlt sich an wie eine Niederlage: Ich will einer Zigarette keinen so großen Effekt zubilligen. Was ist mit früher, als ich öfter mal eine geraucht habe? Wie viel besser wäre ich gewesen, wenn ich nicht geraucht hätte?

Ich will einen letzten Versuch fahren, es läuft fantastisch, ich bin stabil zehn Sekunden unter meiner Bestzeit, ohne Stürze, über zwei Drittel durch die Strecke, als ich einen Tacken zu viel beschleunige und meinem Fahrer den Kopf vor einen Metallpfosten ramme. Den Versuch bringe ich nicht mehr zu Ende. Das war es. Ich bleibe minutenlang in meinem Schmerz hocken, bis mich der Kampfgeist packt. Zur Versöhnung brauche ich einen Abschluss, egal wie. Ich fahre eisern durch, und es ist, als würde diese Zeit richtig zählen, der Rest nicht. Meine Finger sind verschwitzt, sie riechen immer noch nach Tabak. Eine Fliege schwirrt mir vor der Nase herum.

8 Stürze, 1:40,946 s

Eine Zeit wie eine schwarz umrahmte Warnung auf der Zigarettenschachtel.

II Energy Drink

Mit Koffein habe ich intensive Erfahrungen gemacht. Ich verspreche mir eine deutliche Leistungssteigerung. Auch die Werbung auf der Dose verspricht eine Menge, erwähnt Koffein aber nur am Rande – vor allen Dingen L-Carnitin, Taurin, Guarana und B-Vitamine sollen mich voranbringen. Sowohl Athleten als auch Nerds werden explizit als Zielgruppe auf der Dose erwähnt. Was kann da schon schiefgehen? Gleich das erste Versprechen wird nicht eingelöst: Der Geschmack ist nicht, wie angekündigt, „intensiv, aber sanft“ – es ist der übliche Schluck aus dem Gummibärchenbottich. Im Nachgeschmack ahne ich Brausevitamintabletten und Aufstoßen. Ich fühle mich wach und lebendig. Schweißperlen stehen auf meiner Stirn. Meine Augen sind maximal geöffnet.

8 Stürze, 1:33,502 s

Ich bin übermotiviert wie ein Stürmer, der nach seiner späten Einwechslung auf den Platz sprintet, einen Verteidiger umtritt und mit Rot vom Platz geschickt wird.

7 Stürze, 1:30,934

Vielleicht hilft mir Koffein nicht mehr, vielleicht bin ich zu abgestumpft. Vielleicht schafft mich auch einfach das Spiel. Vielleicht löse ich mich langsam auf, unabhängig von den Substanzen, die ich in mich hineinschütte.

1 Sturz, 57,162 s

Die Zeit ist besser, aber ich fühle mich nicht so. Statt mich zu freuen, fluche ich vor mich hin, ich hadere mit jeder zu weiten Drehung, jedem Ruckler beim Bergaufbeschleunigen.

1 Sturz, 54,45 s

Erstmals überkommen mich Zweifel, ob TRIALS nicht vielleicht ein dummes Spiel ist, ein schlechtes Spiel. Mein Blick wandert durch das Zimmer, zum Verdunklungsrollo, das die pralle Sonne draußen hält. Dann kippt meine Leistung. Zehn Minuten vor dem Ende bringe ich überhaupt nichts mehr zustande. Alle Versuche enden in Stürzen, ich breche immer wieder vor der Ziellinie ab. Wie Nebel umgeistert mich der Gedanke, noch einen Energy Drink zu trinken. Es ist der Instinkt, in einer Grube hockend weiter zu buddeln. Ich tue es nicht, ich spiele weiter. Der Controller ist nass. Der Fahrer grunzt und grollt, ich äffe ihn nach.

0 Stürze, 1:00,448

Mein erster fehlerfreier Lauf gelingt mir kurz vor Ende. Ich fühle mich besser, aber leer. Längst bin ich verkrampft – mein Fahrer hüpft hin und her, ruckelt die Hügel hinauf, als würde er den Motor abwürgen. Vielleicht trinken das wirklich Fußballspieler kurz bevor sie eingewechselt werden und Rot sehen. Ich nehme mir vor, nie wieder einen Energy Drink zu trinken.

III Ritalin

Schon die Vorbereitung fühlt sich zwielichtig an. Ich schlucke unbeobachtet die erste Ritalin-Tablette meines Lebens und warte auf die Wirkung. Vorerst spüre ich gar nichts. Beschleunigt mein Puls? Kneift mein Magen? Die Fragen sind irrelevant. Wichtig ist nur: Fahre ich besser?

3 Stürze, 1:07,760

Ich fahre tatsächlich ruhiger und konzentrierter. Wenn ich in eine kritische Lage gerate, nehme ich gelassen zur Kenntnis, dass der Fahrer stürzt. Allerdings stürze ich trotzdem.

3 Stürze, 1:34,051

Ich fahre eisern durch, ich bleibe auf meiner mäßigen Leistung sitzen. Es fühlt sich an wie der kalte Abschied einer gescheiterten Liebesbeziehung. Ich will TRIALS nie mehr wiedersehen, aber ich werde meiner Aufgabe gerecht werden und die halbe Stunde durchspielen, Sturz für Sturz. Ich werde langsamer. Sonst ändert sich wenig.

1 Sturz, 53,602 s

In der Resignation erreiche ich Größe. Meine Freude bleibt verhalten. Endlich fühle ich mich nach innen so nüchtern, wie ich nach außen immer aussehe. Beim Fahren werde ich mir selber unheimlich. Wo ist die Stimme in meinem Kopf, die mir pausenlos schlechte Wortspiele einflüstert? Ohne diese Stimme hätte ich keinen Job.

Besser werde ich in der halben Stunde nicht mehr. Ritalin ist ein kleiner Konzentrationsgewinn, ein leichter Tunnelblick. Es ist Langeweile in Tablettenform. Was für eine Enttäuschung.

Fazit

Die intensive Selbstbeobachtung hat höchstwahrscheinlich alle Ergebnisse verfälscht und unbrauchbar gemacht. Mein Eindruck nachher: Es gab Veränderungen, aber eher unspektakulär. Ausschlafen, ein Spaziergang, heiß Duschen, Meditieren, Yoga, Brustschwimmen und Eiscreme bringen nach meiner Erfahrung allesamt mehr als die getesteten Drogen.

Eindeutig schlimmer und schädlicher als die Dopingmittel war in meinem Fall die Spielweise. Die freudlose Wiederholung hat mir einen schweren TRIALS-Kater beschert. Ich kann es nicht mehr sehen. Spielen als Leistungssport ist, abseits aller Legitimitätsdebatten im eSport, furchtbar. So verkrampft spiele ich nicht einmal, wenn ich unter Zeitdruck an einem Text für die WASD schreibe.

JAN BOJARYN schreibt als freier Autor über Videospiele und andere lebenswichtige Themen. Kontakt und Arbeitsproben: ryn.de