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WASD 17: Scheiße

Computerspiele und ihr Verhalten zu Kot

No Shit!

von Sonja Wild

Das Thema Verdauung findet bislang eher in der Apotheken Umschau als in Computerspielpublikationen statt. Höchste Zeit, es aus der Ratgeber-Schmuddelecke zu holen: Immerhin begegnet uns Scheiße in Games gefühlt an fast jeder Ecke und das quer durch alle Genres, in Indie- wie in AAA-Spielen. Sie erscheint als Haus- und Wildtierexkrement oder menschliche Ausscheidung, wir sammeln sie als wertvollen Dünger und bekämpfen sie als singenden Endgegner. Sogar als Waffe kommt sie zum Einsatz, mal pubertär mit Furzgeräusch, mal auf Hideo-Kojima-Art.

Das Verhältnis von Games und Kot ist auch deshalb spannend, weil es nicht ohne Widersprüche ist: Einerseits wird das Thema gerade im Simulations-Genre fast immer vornehm verschwiegen. So weist etwa die Sims-Reihe, der sonst wenig Menschliches fremd ist, in Sachen Verdauung eine erstaunliche Leerstelle auf: Wieso nur haben die Sims auch in ihrer mittlerweile vierten Generation zwar eine Blase und einen Magen, aber immer noch keinen Darm? Obwohl sich verärgerte Sims für einen „angry poop“ auf die Toilette zurückziehen können, bleibt das Spiel einen offenen Umgang mit dem Thema auch nach 20 Jahren schuldig. Mit Fäkalien kommen Spielerinnen und Spieler deshalb hauptsächlich als Tierbesitzer in Kontakt – beim Reinigen des Katzenklos.

Wie alle Regeln hat auch diese eine Ausnahme, und die heißt SCUM: In dem Open-World-Survival-Game verfügen Spieler über einen annähernd realistischen Stoffwechsel. Alles, was verzehrt wird, wandert anschließend durch Magen und Darm, deren Füllstand via Statusanzeige jederzeit einsehbar ist. Aus Stoffwechsel folgt Stuhlgang: In SCUM können und müssen Spieler in die Landschaft kacken, um ihren vollen Darm zu entleeren. Und weil der Darm ein, wie es im Klappentext zu Giulia Enders’ Bestseller „Darme mit Charme“ heißt, „fabelhaftes Wesen voller Sensibilität, Verantwortung und Leistungsbereitschaft“ ist, wird in SCUM konsequent bestraft, wer ihn schlecht behandelt: Wer es mit bestimmten Vitaminen übertreibt oder zu viel Nahrung mit hohem Wasser- und geringem Feststoffgehalt konsumiert, bekommt davon Durchfall. Bei aller exzessiven Detailverliebtheit und Explizität ist SCUM letztlich aber nur eine winzige Oase in der riesigen Wüste des verschämten Verschweigens.

Andererseits gibt es Genres und Spiele, die mit Freud gesprochen tief in der analen Phase steckengeblieben scheinen, so intensiv wird das Thema Verdauung bearbeitet. Darunter sind etliche, die mit ihrem Versuch, durch den inflationären Gebrauch von Furz- und Fäkalhumor zu provozieren, eher ermüden als befreien. Als Musterbeispiel sollen hier South Park: The Stick of Truth und der Nachfolger The Fractured But Whole herhalten, die wie die TV-Serie mit einem enormen Anteil Fäkalhumor daherkommen: angefangen beim obligatorischen Auftritt von Mister Hankey, dem Weihnachtskot, über die Fähigkeit, Gegner im Kampf mit Kot zu bewerfen bis hin zu einem Achievement dafür, jede der zahlreichen Toiletten benutzt zu haben. Fäkalhumor gehört zweifelsohne zur South Park-DNA, originell oder provokant ist er aber längst nicht mehr. Es ist Scheiße um der Scheiße willen.

Dabei hat das Thema durchaus Potenzial für kreative Grenzüberschreitungen, wie eine Mission in Saints Row 2 zeigt: Darin lautet die Aufgabe, in einem mit Fäkalien gefüllten Tankwagen durch die Straßen zu heizen und den Inhalt großflächig auf Menschen und Häuserfassaden zu verteilen, bis nahezu die ganze Nachbarschaft schreiend in der Kotsuppe versinkt. Darüber zu lachen zeichnet einen nicht unbedingt als reifen Erwachsenen aus, doch wen dieses Szenario völlig kalt lässt, dem mangelt es offenbar an Vorstellungskraft.

Landwirtschaft stinkt

Spätpubertäre Fäkalwitze mal beiseite, gibt es aber durchaus eine Menge relevanter Gründe für Kacke-Sprites in Games. Einer davon ist die Landwirtschaft. Wer zum Beispiel als Kind der Spätneunziger das Point-and-Click-Adventure Neues von Pettersson und Findus gespielt hat, dem wurde die Bedeutung von Fäkalien auf dem Bauernhof kindgerecht vermittelt: In einem Minispiel musste ein Huhn verfolgt und dessen Kot als organischer Dünger in einer Schubkarre aufgefangen werden. Nur gute Reflexe schützten dabei vor Hühnerkacke im Gesicht.

Auch im Survival-Genre ist Kot häufig eine wichtige Ressource, die Landwirtschaft ist neben dem Jagen und Sammeln schließlich die dritte wichtige Säule im Überlebenskampf. Im Survival-Game Don’t Starve etwa ist Dung für eine erfolgreiche Landwirtschaft unverzichtbar, weil er das Pflanzenwachstum enorm beschleunigt. Leider sind die Protagonisten allerdings selbst nicht in der Lage, Exkremente zu produzieren. Hauptlieferanten sind stattdessen die Herden des büffelähnlichen Beefalo, dessen Dung sich gefahrlos einsammeln lässt, sowie die nachtaktiven, fledermausartigen und aggressiven Batilisks, die schneeweißen Guano hinterlassen. Besonders glücklich schätzen darf sich allerdings, wer eine Schweinesiedlung findet: Zwar haben die Schweine in Don’t Starve längst den aufrechten Gang gelernt, sie haben Namen, leben in hübschen Häuschen und verhalten sich überhaupt vergleichsweise zivilisiert, doch gibt man ihnen etwas zu essen, sprengen sie die sittlichen Ketten des evolutionären Fortschritts und kacken einem direkt vor die Füße.

Köder mit Scheisse-Geschmack

Eine Zoologin der Universität Oxford fand kürzlich heraus, dass Mistkäfer im brasilianischen Regenwald Köder mit menschlichen Fäkalien solchen mit dem Kot heimischer Tierarten deutlich vorziehen. Weil Zoologen bei ihren Forschungen vor Ort aber aus praktischen Gründen Fallen bislang immer mit ihren eigenen Exkrementen bestücken und die Mistkäfer ganz verrückt danach waren, hatten die Wissenschaftler ungewollt die Aussagekraft ihrer Untersuchungsergebnisse reduziert.

Im prozeduralen Weltraumabenteuer No Man’s Sky hätte das nicht passieren können: Die dortige Fauna bevorzugt planetenübergreifend Köder, die mit Tierexkrementen angereichert sind. Genauer gesagt mit Faecium, einer leuchtend roten Substanz, die gar nicht so fäkal aussieht, aber laut Spielbeschreibung übel riecht. Auf Tiere scheint sie dennoch eine anziehende Wirkung zu entfalten: Vermischt mit Beeren, Kräutern oder Pilzen lassen sich daraus Köder für verschiedene Tierarten herstellen. Faecium findet sich zwar nicht nur in Dung, sondern kann auch als Nebenprodukt der Magenkrampfblume geerntet werden. Dass die Entwickler beim Faecium aber sicher nicht zuerst an Blumen gedacht haben, darauf deutet neben seinem jetzigen Namen, den der Stoff erst seit einem Update trägt, auch die ursprüngliche Bezeichnung Coprit hin: Sie erinnert an Koprolith, auch als Kotstein bekannt. Dabei handelt es sich um nichts andere als versteinerte Fäkalien.

Manche Tiere lassen sich also mit Kot anlocken – andere wiederum setzen ihre Exkremente ein, um das eigene Revier zu markieren und Rivalen abzuschrecken. Man weiß zum Beispiel von Erdmännchen, dass sie ihre Besitzansprüche auf diese Art anmelden und ihr Territorium notfalls sogar bis aufs Blut verteidigen. Auch im Rundenstrategiespiel Pit People dienen tierische Exkremente als Markierungshilfe. Allerdings geht es hier nicht um Revierkämpfe, sondern um Navigation: Um nach Abschluss einer Quest den Weg zurück zur Burg auf der großen Karte wiederzufinden, hinterlässt das Ochsengespann in einer Art fäkaler Hänsel-und-Gretel-Hommage Kuhfladen auf den sechseckigen Feldern – untermalt mit Furzgeräuschen.

Dein Kot kann eine Waffe sein

Dass die japanische Kultur ein ganz besonderes Verhältnis zum Verdauungsvorgang und seinen Erzeugnissen hat, mutmaßte man im Westen spätestens nach der Eröffnung des Unko-, also Kacke-Museums in Tokio. Wie Fotos zeigen, hat die poppig-bunte Kawaii-Welt des Museums aber doch mehr mit Poop-Emojis auf Instagram zu tun als mit dem menschlichen Verdauungsvorgang. Für eine weniger blumige Auseinandersetzung mit Scheiße wird man bei Hideo Kojima fündig, in dessen Werk Unko ein wiederkehrendes Thema ist. Beispiele dafür finden sich in fast allen Metal Gear Solid-Teilen, in Metal Gear Solid 5 wird Scheiße sogar zur taktischen Waffe: Big Boss kann sein Pferd auf Befehl koten lassen, damit feindliche Fahrzeuge auf den Pferdeäpfeln ins Rutschen geraten und Big Boss das resultierende Chaos für sich nutzen kann. Auf die Spitze treibt Kojima die militärische Zweckentfremdung von Kot allerdings in Death Stranding: Sam kann aus seinem Kot sogenannte EX-Granaten vom Typ 2 herstellen, indem er die Toilette benutzt. Die Kackegranaten mögen eine schöne Demütigung für ihre Opfer sein – für ihren Besitzer sind sie aber auch nicht unbedingt eine Zier.

Nur geringfügig plausibler ist der Einsatz des eigenen Kots als Waffe im Tower-Defense-Jump’n’Run Poöf vs. the Cursed Kitty. Der Hund, der darin ein Kätzchen vor Horden von Gegnern schützen muss, kann goldene Hundehaufen produzieren. Diese Kotfallen haben einen umgekehrten Effekt wie die Pferdeäpfel in Metal Gear Solid: Gegner, die auf einen Hundehaufen treffen, bleiben darin stecken und lassen sich so eine Weile lang aufhalten.

Während Scheiße in Spielen also erstaunlich oft ein willkommenes Hilfsmittel ist, wird die Abscheu vor Exkrementen nur selten spielerisch umgesetzt. Das unzweifelhaft abschreckende Potenzial von Kot wird von Computerspielen bis dato zu wenig ausgeschöpft – mit einer prominenten Ausnahme: Im N64-Jump’n’Run Conker’s Bad Fur Day gibt es mit dem Great Mighty Poo einen gigantischen Kackhaufen als Endgegner. In einer bemerkenswerten Arie lässt der braune Bösewicht vor dem Kampf keinerlei Zweifel an seinen niederen Motiven: „I am the Great Mighty Poo/and I‘m going to throw my shit at you.“ Nachdem er besiegt ist, muss er die große Bühne artgerecht durch den Abfluss verlassen – ein erwartbares, gleichwohl demütigendes Ende für einen Great Mighty Poo, mit dem er ausgiebig hadert: „Oh what a world, what a world!“ Es ist eine Welt, in der die Klospülung immer das letzte Wort hat. •

SONJA WILD hat beruflich wenig mit Scheiße zu tun, versteht sich aber durch ihre Heimat im Hundekotschutzgebiet Berlin als interessierte Laiin. Bei lostlevels.de und anderswo schreibt und podcastet sie unter anderem über Indie-Games.
Computerspiele und ihr Verhalten zu Kot No Shit! von Sonja Wild Das Thema Verdauung findet bislang eher in der Apotheken Umschau als in Computerspielpublikationen statt. Höchste Zeit,... mehr erfahren »
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Computerspiele und ihr Verhalten zu Kot

No Shit!

von Sonja Wild

Das Thema Verdauung findet bislang eher in der Apotheken Umschau als in Computerspielpublikationen statt. Höchste Zeit, es aus der Ratgeber-Schmuddelecke zu holen: Immerhin begegnet uns Scheiße in Games gefühlt an fast jeder Ecke und das quer durch alle Genres, in Indie- wie in AAA-Spielen. Sie erscheint als Haus- und Wildtierexkrement oder menschliche Ausscheidung, wir sammeln sie als wertvollen Dünger und bekämpfen sie als singenden Endgegner. Sogar als Waffe kommt sie zum Einsatz, mal pubertär mit Furzgeräusch, mal auf Hideo-Kojima-Art.

Das Verhältnis von Games und Kot ist auch deshalb spannend, weil es nicht ohne Widersprüche ist: Einerseits wird das Thema gerade im Simulations-Genre fast immer vornehm verschwiegen. So weist etwa die Sims-Reihe, der sonst wenig Menschliches fremd ist, in Sachen Verdauung eine erstaunliche Leerstelle auf: Wieso nur haben die Sims auch in ihrer mittlerweile vierten Generation zwar eine Blase und einen Magen, aber immer noch keinen Darm? Obwohl sich verärgerte Sims für einen „angry poop“ auf die Toilette zurückziehen können, bleibt das Spiel einen offenen Umgang mit dem Thema auch nach 20 Jahren schuldig. Mit Fäkalien kommen Spielerinnen und Spieler deshalb hauptsächlich als Tierbesitzer in Kontakt – beim Reinigen des Katzenklos.

Wie alle Regeln hat auch diese eine Ausnahme, und die heißt SCUM: In dem Open-World-Survival-Game verfügen Spieler über einen annähernd realistischen Stoffwechsel. Alles, was verzehrt wird, wandert anschließend durch Magen und Darm, deren Füllstand via Statusanzeige jederzeit einsehbar ist. Aus Stoffwechsel folgt Stuhlgang: In SCUM können und müssen Spieler in die Landschaft kacken, um ihren vollen Darm zu entleeren. Und weil der Darm ein, wie es im Klappentext zu Giulia Enders’ Bestseller „Darme mit Charme“ heißt, „fabelhaftes Wesen voller Sensibilität, Verantwortung und Leistungsbereitschaft“ ist, wird in SCUM konsequent bestraft, wer ihn schlecht behandelt: Wer es mit bestimmten Vitaminen übertreibt oder zu viel Nahrung mit hohem Wasser- und geringem Feststoffgehalt konsumiert, bekommt davon Durchfall. Bei aller exzessiven Detailverliebtheit und Explizität ist SCUM letztlich aber nur eine winzige Oase in der riesigen Wüste des verschämten Verschweigens.

Andererseits gibt es Genres und Spiele, die mit Freud gesprochen tief in der analen Phase steckengeblieben scheinen, so intensiv wird das Thema Verdauung bearbeitet. Darunter sind etliche, die mit ihrem Versuch, durch den inflationären Gebrauch von Furz- und Fäkalhumor zu provozieren, eher ermüden als befreien. Als Musterbeispiel sollen hier South Park: The Stick of Truth und der Nachfolger The Fractured But Whole herhalten, die wie die TV-Serie mit einem enormen Anteil Fäkalhumor daherkommen: angefangen beim obligatorischen Auftritt von Mister Hankey, dem Weihnachtskot, über die Fähigkeit, Gegner im Kampf mit Kot zu bewerfen bis hin zu einem Achievement dafür, jede der zahlreichen Toiletten benutzt zu haben. Fäkalhumor gehört zweifelsohne zur South Park-DNA, originell oder provokant ist er aber längst nicht mehr. Es ist Scheiße um der Scheiße willen.

Dabei hat das Thema durchaus Potenzial für kreative Grenzüberschreitungen, wie eine Mission in Saints Row 2 zeigt: Darin lautet die Aufgabe, in einem mit Fäkalien gefüllten Tankwagen durch die Straßen zu heizen und den Inhalt großflächig auf Menschen und Häuserfassaden zu verteilen, bis nahezu die ganze Nachbarschaft schreiend in der Kotsuppe versinkt. Darüber zu lachen zeichnet einen nicht unbedingt als reifen Erwachsenen aus, doch wen dieses Szenario völlig kalt lässt, dem mangelt es offenbar an Vorstellungskraft.

Landwirtschaft stinkt

Spätpubertäre Fäkalwitze mal beiseite, gibt es aber durchaus eine Menge relevanter Gründe für Kacke-Sprites in Games. Einer davon ist die Landwirtschaft. Wer zum Beispiel als Kind der Spätneunziger das Point-and-Click-Adventure Neues von Pettersson und Findus gespielt hat, dem wurde die Bedeutung von Fäkalien auf dem Bauernhof kindgerecht vermittelt: In einem Minispiel musste ein Huhn verfolgt und dessen Kot als organischer Dünger in einer Schubkarre aufgefangen werden. Nur gute Reflexe schützten dabei vor Hühnerkacke im Gesicht.

Auch im Survival-Genre ist Kot häufig eine wichtige Ressource, die Landwirtschaft ist neben dem Jagen und Sammeln schließlich die dritte wichtige Säule im Überlebenskampf. Im Survival-Game Don’t Starve etwa ist Dung für eine erfolgreiche Landwirtschaft unverzichtbar, weil er das Pflanzenwachstum enorm beschleunigt. Leider sind die Protagonisten allerdings selbst nicht in der Lage, Exkremente zu produzieren. Hauptlieferanten sind stattdessen die Herden des büffelähnlichen Beefalo, dessen Dung sich gefahrlos einsammeln lässt, sowie die nachtaktiven, fledermausartigen und aggressiven Batilisks, die schneeweißen Guano hinterlassen. Besonders glücklich schätzen darf sich allerdings, wer eine Schweinesiedlung findet: Zwar haben die Schweine in Don’t Starve längst den aufrechten Gang gelernt, sie haben Namen, leben in hübschen Häuschen und verhalten sich überhaupt vergleichsweise zivilisiert, doch gibt man ihnen etwas zu essen, sprengen sie die sittlichen Ketten des evolutionären Fortschritts und kacken einem direkt vor die Füße.

Köder mit Scheisse-Geschmack

Eine Zoologin der Universität Oxford fand kürzlich heraus, dass Mistkäfer im brasilianischen Regenwald Köder mit menschlichen Fäkalien solchen mit dem Kot heimischer Tierarten deutlich vorziehen. Weil Zoologen bei ihren Forschungen vor Ort aber aus praktischen Gründen Fallen bislang immer mit ihren eigenen Exkrementen bestücken und die Mistkäfer ganz verrückt danach waren, hatten die Wissenschaftler ungewollt die Aussagekraft ihrer Untersuchungsergebnisse reduziert.

Im prozeduralen Weltraumabenteuer No Man’s Sky hätte das nicht passieren können: Die dortige Fauna bevorzugt planetenübergreifend Köder, die mit Tierexkrementen angereichert sind. Genauer gesagt mit Faecium, einer leuchtend roten Substanz, die gar nicht so fäkal aussieht, aber laut Spielbeschreibung übel riecht. Auf Tiere scheint sie dennoch eine anziehende Wirkung zu entfalten: Vermischt mit Beeren, Kräutern oder Pilzen lassen sich daraus Köder für verschiedene Tierarten herstellen. Faecium findet sich zwar nicht nur in Dung, sondern kann auch als Nebenprodukt der Magenkrampfblume geerntet werden. Dass die Entwickler beim Faecium aber sicher nicht zuerst an Blumen gedacht haben, darauf deutet neben seinem jetzigen Namen, den der Stoff erst seit einem Update trägt, auch die ursprüngliche Bezeichnung Coprit hin: Sie erinnert an Koprolith, auch als Kotstein bekannt. Dabei handelt es sich um nichts andere als versteinerte Fäkalien.

Manche Tiere lassen sich also mit Kot anlocken – andere wiederum setzen ihre Exkremente ein, um das eigene Revier zu markieren und Rivalen abzuschrecken. Man weiß zum Beispiel von Erdmännchen, dass sie ihre Besitzansprüche auf diese Art anmelden und ihr Territorium notfalls sogar bis aufs Blut verteidigen. Auch im Rundenstrategiespiel Pit People dienen tierische Exkremente als Markierungshilfe. Allerdings geht es hier nicht um Revierkämpfe, sondern um Navigation: Um nach Abschluss einer Quest den Weg zurück zur Burg auf der großen Karte wiederzufinden, hinterlässt das Ochsengespann in einer Art fäkaler Hänsel-und-Gretel-Hommage Kuhfladen auf den sechseckigen Feldern – untermalt mit Furzgeräuschen.

Dein Kot kann eine Waffe sein

Dass die japanische Kultur ein ganz besonderes Verhältnis zum Verdauungsvorgang und seinen Erzeugnissen hat, mutmaßte man im Westen spätestens nach der Eröffnung des Unko-, also Kacke-Museums in Tokio. Wie Fotos zeigen, hat die poppig-bunte Kawaii-Welt des Museums aber doch mehr mit Poop-Emojis auf Instagram zu tun als mit dem menschlichen Verdauungsvorgang. Für eine weniger blumige Auseinandersetzung mit Scheiße wird man bei Hideo Kojima fündig, in dessen Werk Unko ein wiederkehrendes Thema ist. Beispiele dafür finden sich in fast allen Metal Gear Solid-Teilen, in Metal Gear Solid 5 wird Scheiße sogar zur taktischen Waffe: Big Boss kann sein Pferd auf Befehl koten lassen, damit feindliche Fahrzeuge auf den Pferdeäpfeln ins Rutschen geraten und Big Boss das resultierende Chaos für sich nutzen kann. Auf die Spitze treibt Kojima die militärische Zweckentfremdung von Kot allerdings in Death Stranding: Sam kann aus seinem Kot sogenannte EX-Granaten vom Typ 2 herstellen, indem er die Toilette benutzt. Die Kackegranaten mögen eine schöne Demütigung für ihre Opfer sein – für ihren Besitzer sind sie aber auch nicht unbedingt eine Zier.

Nur geringfügig plausibler ist der Einsatz des eigenen Kots als Waffe im Tower-Defense-Jump’n’Run Poöf vs. the Cursed Kitty. Der Hund, der darin ein Kätzchen vor Horden von Gegnern schützen muss, kann goldene Hundehaufen produzieren. Diese Kotfallen haben einen umgekehrten Effekt wie die Pferdeäpfel in Metal Gear Solid: Gegner, die auf einen Hundehaufen treffen, bleiben darin stecken und lassen sich so eine Weile lang aufhalten.

Während Scheiße in Spielen also erstaunlich oft ein willkommenes Hilfsmittel ist, wird die Abscheu vor Exkrementen nur selten spielerisch umgesetzt. Das unzweifelhaft abschreckende Potenzial von Kot wird von Computerspielen bis dato zu wenig ausgeschöpft – mit einer prominenten Ausnahme: Im N64-Jump’n’Run Conker’s Bad Fur Day gibt es mit dem Great Mighty Poo einen gigantischen Kackhaufen als Endgegner. In einer bemerkenswerten Arie lässt der braune Bösewicht vor dem Kampf keinerlei Zweifel an seinen niederen Motiven: „I am the Great Mighty Poo/and I‘m going to throw my shit at you.“ Nachdem er besiegt ist, muss er die große Bühne artgerecht durch den Abfluss verlassen – ein erwartbares, gleichwohl demütigendes Ende für einen Great Mighty Poo, mit dem er ausgiebig hadert: „Oh what a world, what a world!“ Es ist eine Welt, in der die Klospülung immer das letzte Wort hat. •

SONJA WILD hat beruflich wenig mit Scheiße zu tun, versteht sich aber durch ihre Heimat im Hundekotschutzgebiet Berlin als interessierte Laiin. Bei lostlevels.de und anderswo schreibt und podcastet sie unter anderem über Indie-Games.