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WASD 18: Genug geballert 2

Drücke X für Waffenstillstand

Genug geballert 2

von Jan Bojaryn

Der Leichenberg unter unseren Füßen? Früher hat er mich gestört. Jetzt ist er technisch gesehen noch vorhanden, aber er stört mich weniger. Komm näher und halte Y gedrückt, dann erkläre ich das genauer.

Videospiele sind Ballerspiele. In WASD 2 habe ich behauptet, das sei ein Problem. Die Stimmung war damals eine andere. In der Rückschau strahlt diese Zeit hell. Das frisch gezapfte Bier schmeckte besser, der Mensch war unschuldig; zumindest gab es noch kein Gamergate. Ich fand trotzdem etwas, worüber ich mich aufregen konnte: dass Triple-A-Spiele mehr oder weniger selbstverständlich Shooter waren. Alles andere wurde als weniger wichtig wahrgenommen. Deutsche Fans mochten schon damals ihre Annos, FIFAs und Simulatoren. Jonathan Blow und Markus Persson waren bereits mit Indie-Spielen reich geworden. Twitch wuchs rasant. Aber wenn Call of Duty nachlud, hatten die Krümel Pause.

Gewalt war lange eine Grundeinstellung von Videospielen. Logisch, denn wir konnten zwar detaillierte Welten bauen, aber uns fehlten gute Interaktionsmöglichkeiten. Wir standen ohne Hände in Kulissen herum. Dass Ballern eines unserer wichtigsten Verben wurde, war zuerst kein Problem; bis immer mehr dieser Welten etwas bedeuten sollten, Geschichten in ihnen erzählt wurden, Menschen auftauchten und wir aus Gewohnheit immer noch ballerten. Unzählige Spiele taten so, als würden ihre Helden gelegentlich aberhunderte Menschen umnieten, wären aber sonst nette Nachbarn. Der Massenmord wurde zur absurden, eigentlich nicht so gemeinten Pflichtübung.

Dieser Zustand brachte Folgeschäden, und darüber regte ich mich auf. Naiv, wie ich war, rechnete ich nicht mit dem Gegenwind. Zustimmung kam von den üblichen Verdächtigen – Kulturwissenschaftler und Journalisten wie ich. Viele Spielefans sahen die Sache eher konservativ. Sie wollten nicht, dass ich ihnen Call of Duty wegnehme. Sie verstanden Kritik am Medium als Nestbeschmutzung. Das war natürlich immer ein Missverständnis. Wer Spiele liebt, der kann sie auch kritisieren. Und wer jede Kritik pauschal ablehnt, der ist in meinen Augen eher verknallt und nicht bereit, eine tragfähige Beziehung einzugehen. Meine Kritik hatte nie etwas mit der fehlgeleiteten Killerspieldebatte zu tun.

Ich wollte nichts zum Verschwinden bringen, sondern etwas Neues hervorlocken. Drei große Wünsche trieben mich um.

Ich wollte Platz für Spiele im Feuilleton.

Ich wollte große und vielseitige Spielenischen.

Ich wollte Blockbuster ohne Geballer.

 

Das war 2012. Jetzt ist 2021. Gängige Ballerspiel-Settings wie Pandemien und Bürgerkriege haben in den letzten Jahren deutlich an Sex-Appeal verloren. Heile, schöne Welten aufbauen wollen jetzt nicht mehr nur die Anno-Fans. Spiel des Jahres ist das neue Animal Crossing, gerade weil es nicht von pubertären Machtfantasien lebt, sondern von einem anhaltenden, interaktiven Zuckerschock. Aber was heißt das ? Was ist aus meinen drei Wünschen geworden ?

 

Das Feuilleton ist tot

 

Die Aussage gab es schon, bevor ich das Wort aussprechen konnte. So langsam stimmt sie. 2012 lag die Gesamtauflage deutscher Tageszeitungen noch bei 18,4 Millionen, jetzt sind es 12,5. Der Abstieg läuft seit Jahrzehnten. Wenn gedruckte Tageszeitungen immer weniger Menschen erreichen, müssen wir uns nicht mehr über Ressorts streiten, an denen schon in besseren Zeiten herumgespart wurde. Ich sage das ohne Häme, ich schreibe gerne für Zeitungen. Falls sich da noch jemand ernsthaft für Spiele öffnet, ist das schön. Bemerken werde ich es wahrscheinlich nicht mehr. Vielleicht habe ich es schon verpasst.

Modernen Kulturjournalismus gibt es – anderswo. Stabil finanziert ist er nicht. Er muss halt schauen, wie er im Dschungel überlebt, so wie alle anderen auch. Es gibt viele talentierte Menschen, die tapfer Schlangen essen und Regenwasser sammeln. Sie verdienen Bewunderung – und bessere finanzielle Rahmenbedingungen, staatliche Unterstützung, gesellschaftliche Anerkennung.

 

Nischen sind Mainstream

 

Animal Crossing: New Horizons ist das wahrscheinlich erfolgreichste Spiel des Jahres 2020. Vielleicht wäre so etwas früher mein herbeigesehnter richtungweisender Blockbuster gewesen. Inzwischen sind aber Einzelspieler-Vollpreisspiele längst selbst eine Nische und die nutzlos gewordenen Wörter hinken der rasenden Gegenwart hilflos hinterher.

Die ehemaligen Blockbuster sind nicht geschrumpft, aber andere sind schneller gewachsen. Multiplayer-Indiespiele wie Fall Guys und Among Us geben den Ton an. Oder Free-to-Play-Überraschungshits wie Genshin Impact. Viele Menschen leben nur noch in den Sphären eines bestimmten Service-Spiels und ignorieren den Rest der Branche. Dagegen sind die schwerfälligen, teuer und über Jahre produzierten Brocken von früher zu unbeweglich. Sie werden allein durchgespielt, ständig plaudern Charaktere, und dann sind sie vorbei. Das ist alles Gift für Streamer.

Worüber geredet wird, wer gerade den Ton angibt, das ändert sich ständig. Für mich sieht das nach einer großen Befreiung aus. Wer heute meckert, irgendwo würde eine Redaktion falsche Themen setzen, der klingt albern. Statt Töne anzugeben, die keiner hört, können wir über Dinge reden, die uns interessieren. Das reicht.

Dass sich aus aktuellen Hits kein bestimmender Trend ablesen lässt, ist der Witz: Der Mainstream existiert vor allem noch als Hirngespinst im Gehirn älterer Menschen. Umso altmodischer wirkt auf mich jede doch noch eingereichte große Besprechung von The Last of Us Part 2 im Feuilleton.

 

Videospiele werden nie aufhören, sich von ihrer unmöglich gewordenen Vergangenheit zu verabschieden

 

Apropos: Was sollte eigentlich The Last of Us Part 2 ? Die Gewalt im ersten Teil war bei weitem genug, der Abschluss des Spiels ein heute berüchtigter Exzess, der sich anfühlte wie das Zuschlagen einer Tür. Die Fortsetzung sieben Jahre später mit noch mehr Gewalt wirkt, als hätte jemand den eigenen Witz nicht verstanden. Damit ist das Spiel allerdings in guter Gesellschaft. Ältere Spieleentwickler verabschieden sich schon seit Jahren vom Geballer. Auch Red Dead Redemption 2 ist so ein pflichtschuldig in den Feuilleton gehievter, trauriger Cowboy-Abschied. Oder God of War’18.

Reiten diese Marken zum Sterben in den Sonnenuntergang ? Natürlich nicht. Aber ihre doch noch entwickelten Fortsetzungen werden einen immer kleineren Anteil des wachsenden, globalen Spielepublikums erreichen. Zunehmend werden Spiele erscheinen, in denen der Abschied von früheren Gewaltexzessen nur noch als ironisches Zitat auftaucht, während umso mehr geballert wird. Die nostalgischen Blasen werden langsam aufeinander zutreiben. Kratos und der Master Chief werden sich auf einer Pressebühne die Hände schütteln und hunderte ältere Männer werden jubelnd aus ihren Sitzen springen. Vielleicht bekommt Batista eine Sprechrolle, oder Jean-Claude Van Damme.

Zuschauen werden nicht einmal mehr meine Kinder. Sie lieben Spiele. Dass darin häufig geballert würde, ist ihnen nicht bekannt. Es interessiert sie auch nicht.

JAN BOJARYN wird für den Rest seiner Tage als freier Autor über Videospiele und andere lebenswichtige Themen schreiben. Kontakt und Arbeitsproben: ryn.de
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von Jan Bojaryn

Der Leichenberg unter unseren Füßen? Früher hat er mich gestört. Jetzt ist er technisch gesehen noch vorhanden, aber er stört mich weniger. Komm näher und halte Y gedrückt, dann erkläre ich das genauer.

Videospiele sind Ballerspiele. In WASD 2 habe ich behauptet, das sei ein Problem. Die Stimmung war damals eine andere. In der Rückschau strahlt diese Zeit hell. Das frisch gezapfte Bier schmeckte besser, der Mensch war unschuldig; zumindest gab es noch kein Gamergate. Ich fand trotzdem etwas, worüber ich mich aufregen konnte: dass Triple-A-Spiele mehr oder weniger selbstverständlich Shooter waren. Alles andere wurde als weniger wichtig wahrgenommen. Deutsche Fans mochten schon damals ihre Annos, FIFAs und Simulatoren. Jonathan Blow und Markus Persson waren bereits mit Indie-Spielen reich geworden. Twitch wuchs rasant. Aber wenn Call of Duty nachlud, hatten die Krümel Pause.

Gewalt war lange eine Grundeinstellung von Videospielen. Logisch, denn wir konnten zwar detaillierte Welten bauen, aber uns fehlten gute Interaktionsmöglichkeiten. Wir standen ohne Hände in Kulissen herum. Dass Ballern eines unserer wichtigsten Verben wurde, war zuerst kein Problem; bis immer mehr dieser Welten etwas bedeuten sollten, Geschichten in ihnen erzählt wurden, Menschen auftauchten und wir aus Gewohnheit immer noch ballerten. Unzählige Spiele taten so, als würden ihre Helden gelegentlich aberhunderte Menschen umnieten, wären aber sonst nette Nachbarn. Der Massenmord wurde zur absurden, eigentlich nicht so gemeinten Pflichtübung.

Dieser Zustand brachte Folgeschäden, und darüber regte ich mich auf. Naiv, wie ich war, rechnete ich nicht mit dem Gegenwind. Zustimmung kam von den üblichen Verdächtigen – Kulturwissenschaftler und Journalisten wie ich. Viele Spielefans sahen die Sache eher konservativ. Sie wollten nicht, dass ich ihnen Call of Duty wegnehme. Sie verstanden Kritik am Medium als Nestbeschmutzung. Das war natürlich immer ein Missverständnis. Wer Spiele liebt, der kann sie auch kritisieren. Und wer jede Kritik pauschal ablehnt, der ist in meinen Augen eher verknallt und nicht bereit, eine tragfähige Beziehung einzugehen. Meine Kritik hatte nie etwas mit der fehlgeleiteten Killerspieldebatte zu tun.

Ich wollte nichts zum Verschwinden bringen, sondern etwas Neues hervorlocken. Drei große Wünsche trieben mich um.

Ich wollte Platz für Spiele im Feuilleton.

Ich wollte große und vielseitige Spielenischen.

Ich wollte Blockbuster ohne Geballer.

 

Das war 2012. Jetzt ist 2021. Gängige Ballerspiel-Settings wie Pandemien und Bürgerkriege haben in den letzten Jahren deutlich an Sex-Appeal verloren. Heile, schöne Welten aufbauen wollen jetzt nicht mehr nur die Anno-Fans. Spiel des Jahres ist das neue Animal Crossing, gerade weil es nicht von pubertären Machtfantasien lebt, sondern von einem anhaltenden, interaktiven Zuckerschock. Aber was heißt das ? Was ist aus meinen drei Wünschen geworden ?

 

Das Feuilleton ist tot

 

Die Aussage gab es schon, bevor ich das Wort aussprechen konnte. So langsam stimmt sie. 2012 lag die Gesamtauflage deutscher Tageszeitungen noch bei 18,4 Millionen, jetzt sind es 12,5. Der Abstieg läuft seit Jahrzehnten. Wenn gedruckte Tageszeitungen immer weniger Menschen erreichen, müssen wir uns nicht mehr über Ressorts streiten, an denen schon in besseren Zeiten herumgespart wurde. Ich sage das ohne Häme, ich schreibe gerne für Zeitungen. Falls sich da noch jemand ernsthaft für Spiele öffnet, ist das schön. Bemerken werde ich es wahrscheinlich nicht mehr. Vielleicht habe ich es schon verpasst.

Modernen Kulturjournalismus gibt es – anderswo. Stabil finanziert ist er nicht. Er muss halt schauen, wie er im Dschungel überlebt, so wie alle anderen auch. Es gibt viele talentierte Menschen, die tapfer Schlangen essen und Regenwasser sammeln. Sie verdienen Bewunderung – und bessere finanzielle Rahmenbedingungen, staatliche Unterstützung, gesellschaftliche Anerkennung.

 

Nischen sind Mainstream

 

Animal Crossing: New Horizons ist das wahrscheinlich erfolgreichste Spiel des Jahres 2020. Vielleicht wäre so etwas früher mein herbeigesehnter richtungweisender Blockbuster gewesen. Inzwischen sind aber Einzelspieler-Vollpreisspiele längst selbst eine Nische und die nutzlos gewordenen Wörter hinken der rasenden Gegenwart hilflos hinterher.

Die ehemaligen Blockbuster sind nicht geschrumpft, aber andere sind schneller gewachsen. Multiplayer-Indiespiele wie Fall Guys und Among Us geben den Ton an. Oder Free-to-Play-Überraschungshits wie Genshin Impact. Viele Menschen leben nur noch in den Sphären eines bestimmten Service-Spiels und ignorieren den Rest der Branche. Dagegen sind die schwerfälligen, teuer und über Jahre produzierten Brocken von früher zu unbeweglich. Sie werden allein durchgespielt, ständig plaudern Charaktere, und dann sind sie vorbei. Das ist alles Gift für Streamer.

Worüber geredet wird, wer gerade den Ton angibt, das ändert sich ständig. Für mich sieht das nach einer großen Befreiung aus. Wer heute meckert, irgendwo würde eine Redaktion falsche Themen setzen, der klingt albern. Statt Töne anzugeben, die keiner hört, können wir über Dinge reden, die uns interessieren. Das reicht.

Dass sich aus aktuellen Hits kein bestimmender Trend ablesen lässt, ist der Witz: Der Mainstream existiert vor allem noch als Hirngespinst im Gehirn älterer Menschen. Umso altmodischer wirkt auf mich jede doch noch eingereichte große Besprechung von The Last of Us Part 2 im Feuilleton.

 

Videospiele werden nie aufhören, sich von ihrer unmöglich gewordenen Vergangenheit zu verabschieden

 

Apropos: Was sollte eigentlich The Last of Us Part 2 ? Die Gewalt im ersten Teil war bei weitem genug, der Abschluss des Spiels ein heute berüchtigter Exzess, der sich anfühlte wie das Zuschlagen einer Tür. Die Fortsetzung sieben Jahre später mit noch mehr Gewalt wirkt, als hätte jemand den eigenen Witz nicht verstanden. Damit ist das Spiel allerdings in guter Gesellschaft. Ältere Spieleentwickler verabschieden sich schon seit Jahren vom Geballer. Auch Red Dead Redemption 2 ist so ein pflichtschuldig in den Feuilleton gehievter, trauriger Cowboy-Abschied. Oder God of War’18.

Reiten diese Marken zum Sterben in den Sonnenuntergang ? Natürlich nicht. Aber ihre doch noch entwickelten Fortsetzungen werden einen immer kleineren Anteil des wachsenden, globalen Spielepublikums erreichen. Zunehmend werden Spiele erscheinen, in denen der Abschied von früheren Gewaltexzessen nur noch als ironisches Zitat auftaucht, während umso mehr geballert wird. Die nostalgischen Blasen werden langsam aufeinander zutreiben. Kratos und der Master Chief werden sich auf einer Pressebühne die Hände schütteln und hunderte ältere Männer werden jubelnd aus ihren Sitzen springen. Vielleicht bekommt Batista eine Sprechrolle, oder Jean-Claude Van Damme.

Zuschauen werden nicht einmal mehr meine Kinder. Sie lieben Spiele. Dass darin häufig geballert würde, ist ihnen nicht bekannt. Es interessiert sie auch nicht.

JAN BOJARYN wird für den Rest seiner Tage als freier Autor über Videospiele und andere lebenswichtige Themen schreiben. Kontakt und Arbeitsproben: ryn.de