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WASD 18: Quartett der Videospielskandale

Jubiläumsausgabe

Quartett der Videospielskanadale

von Trip Hawkins, Ingo Donot und Andreas Garbe

Zur WASD 18 gibt es auch eine besondere Ausgabe des WASD-Skandal­quartetts. Welche Kontroversen waren die bedeutendesten, fielen besonders auf ? Antworten von EA-Gründer Trip Hawkins, Donots-Sänger Ingo und dem Autor der Serie, Andreas Garbe.

Andreas Garbe

Für mich als Autor dieser Serie ist dies die bedeutendste Kontroverse um Videospiele, denn das Beispiel beweist: Schon in den Siebzigern gab es vermeintliche Killerspiele, über die auf großer Bühne leidenschaftlich gestritten wurde.

Wieso ist das so wichtig ? In der Diskussion um Gewalt in Videospielen und Wirkungsforschung verweise ich oft auf eine Studie, die die Mediennutzung von rund 40 Amokläufern an US-Schulen untersuchte, zwischen den Jahren 1974 und 2000. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich nur jeder achte Täter für gewalthaltige Spiele interessierte. Aber, wird mir dann gern entgegengehalten, in den Siebzigern und Achtzigern habe es ja noch keine solchen Spiele gegeben. Das bekomme ich leider selbst von vermeintlichen Fachredakteur*innen zu hören. Die Kontroverse um Death Race und der Grad der medialen Aufmerksamkeit zeigen: Die Debatte um vermeintliche Killerspiele, letztlich die Sorge um die Verrohung der Spieler ist so alt wie das Medium selbst.

Nur acht Jahre später wurden die ersten drei Videospiele in Deutschland indiziert. Neben Battlezone und River Raid war auch Speed Racer mit dabei, eine Weiterentwicklung von Death Race. Statt immer gleicher Strichmännchen konnten hier nun verschiedene Figuren überfahren werden – und die Auswahl sollte maximal provozieren: von der gebrechlichen Großmutter über das spielende Kind bis zur Mutter mit Säugling. Das alles dann auch noch in Farbe, aber kaum weniger pixelig als der Vorgänger. Das Spiel verherrliche und verharmlose Gewalt, sei geeignet, „Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren“ und „sittlich zu gefährden“. So lautete damals die Einschätzung der Bundesprüfstelle, die das Spiel dann tatsächlich bis 2009 unter den Ladentisch verbannte. 25 Jahre für eine gezielte Provokation, eine vermeintlich verrohende Gewaltorgie in 320 mal 200 Pixeln.

Death Race blieb in Deutschland zwar unbekannt. Doch in den USA schaffte es das Spiel in die Massenmedien und den gesellschaftlichen Diskurs. Ein Verhaltenspsychologe sagte damals der New York Times: „Ich bin sicher, dass die meisten Spieler danach nicht in ihr Auto springen, um Fußgänger zu überfahren. Aber einer aus eintausend ? Einer aus einer Million ? Und ich schaudere, wenn ich daran denke, was als Nächstes kommt, wenn man so etwas fördert. Das wird sehr blutig.“

So lächerlich solche Einschätzungen und ihre Folgen aus heutiger Sicht wirken, sie waren damals Teil eines ernsten Diskurses. Die Diskussion um Death Race und Speed Racer zeigt, wie vergänglich Betrachtungen wie die oben zitierten sind. Und sie verleiht der genannten Studie die Validität, die sie verdient.

Trip Hawkins

Ah, Night Trap, another episode in the saga of falsely presumed danger of video games. Social history suggests that people resist change and that new inventions, notably media, are misunderstood and scorned by our elders. As a video game pioneer this has been a theme in my life for half a century. Video games do not incite violence, nor do they numb us to violence. Films and TV today remain more realistic and pervasive than video games but I see an inverse correlation between human conflict and warfare and the rise of modern media. I have always believed that media, including sports, are a healthy way to soak up cultural angst, competitive urges and hormones like testosterone. The historical numbers bear this out; as a case in point, our last world war ended 75 years ago, around the time that TV really became a thing. The unique contribution of video games is that they are interactive, which brain scientists have proven is the single best way to increase human intelligence. S’all good.

Hence it is always self-serving, hypocritical, scapegoating, witch-hunting politics when there is a sudden flareup about how cartoonish video game violence is causing real damage in our society. When Joe Lieberman rose to a national profile by attacking Night Trap, he was an ambitious first-term senator that needed to be re-elected on his way to aiming for The White House. Night Trap was a humble parody of fantastical vampire stories that made B movies look good. Visually, kids cartoons are much better looking and are also considerably more violent. But Lieberman knew video games were the new kid on the block, the easy target for a bully to pick on. 3DO became the second act for Night Trap, but with better graphics, which stirred things up all over again. Meanwhile, Lieberman is given some credit for the game industry rating system. I find this ironic because 3DO had already created a rating system. I personally invented the E for Everyone rating, which the ESRB later bought from 3DO. But it’s all about Joe. Makes me need a cup of Joe.

Ingo Donot

Ich bin Vegetarier. Seit gut 30 Jahren nun schon. Ich esse kein Tier, trage weder Leder noch Pelz an meinem Körper und versuche, wo es eben geht, tierische Inhaltsstoffe in meiner Nahrung zu vermeiden (mit veganen Monaten für das gute Körpergefühl on top). Ja, Tiere tun mir leid. Und nein, Tiere sollen nicht für meine Bequemlichkeit, mein Pläsier oder meinen Luxus leiden müssen.

Dieser Grundsatz zieht sich, Punk sei Dank, wie ein roter Faden durch mein Leben und ich achte gemeinsam mit meiner Band DONOTS sehr akribisch darauf, eine ebenso gute wie friedfertige Zeit auf diesem Planeten zu verbringen, ohne damit anderen auf die Füße oder Pfoten zu treten.

Als Core-Gamer seit Anfang der 80er bringt das allerdings ein moralisches Zocker-Dilemma mit sich: Ich habe selbst in den blutrünstigsten Games eigentlich immer nur Probleme damit, vierbeinige Freund*innen zu verlieren – oder gar töten zu müssen. Das Pferd in Shadow Of The Colossus, welches in die Tiefe stürzt: schlimm. Die Hunde, die ich in The Last Of Us 2 töten muss, während ansonsten aber ohne Wimpernzucken dutzen-de Zombies mit stumpfen Brotmessern durch meine Hand sterben: kaum auszuhalten.

Bei all dem Gaming-Gefühlschaos habe ich aber bis zum heutigen Tage nicht verstanden, was im Jahr 2011 so schlimm da---ran gewesen sein soll, dass unser aller Lieblingsklempner Mario eine Tanuki-Waschbären-Fellmütze in Super Mario Land 3D getragen hat.

Die ansonsten sehr geschätzte Tierrechtsorganisation PETA verzettelte sich seinerzeit leider derbe mit einem Videospiel-Publicity-Stunt und prangerte öf--fent---lich Marios flauschigen Dresscode an: Es sei ein falsches Signal, dass Mario Pelz in dem Spiel trage, da die Tanuki-Waschbären bei lebendigem Leib für ihr Fell gehäutet werden. Und um dem Ganzen die Gaming-Krone aus Absurdistan aufzusetzen, launchte PETA direkt noch ein semi-spannendes Flash-Browser-Game, in dem ein gehäuteter Waschbär Mario und seiner blutigen Kopfbedeckung hinterherjagte.

Die Gaming-Community schüttelte auf breiter Front den Kopf und verwies unter anderem darauf, dass Tanuki noch eine weitere Bedeutung in Japan habe: „Tanooki“ bezeichnet ein Fabelwesen, welches die Form wechseln kann und Glück bringt – so wie es Marios Mütze ihm in dem Spiel erlaube. Nintendo selbst zeigte sich unbeeindruckt von den PETA-Vorwürfen und kurz darauf ruderten auch eben jene öffentlich zurück: Das Ganze sollte mit einem Augenzwinkern auf die Pelzindustrie und ihre Methoden hinweisen, so eine Pressesprecherin.

Mario selbst ist das Glück seither – trotz oder vielleicht sogar wegen der Tanuki-Mütze – hold geblieben und seinem Standing als ewiger Sympathieträger hat der aufgepfropfte Skandal keinen Abbruch getan.

Ich als Tierfreund runzele weiterhin ein wenig die Stirn, da ich zwar den Ansatz der Kritik durchaus verstehen kann und das Tragen von Pelz im echten Leben streng verurteile, aber diese PR-Aktion nur als good intention gone bad einordnen kann. So sehr Traditionen auch hinterfragt werden sollten und müssen, so sehr sollte man sich schließlich auch überlegen, wo man Kritik sinnvollerweise platziert, um am Ende Ohren zu öffnen und sie nicht dauerhaft zu schließen.

Vielleicht war’s ja eh nur eine Kunstfellmütze im 3D Land. Und vielleicht sind die Hunde in The Last Of Us 2 ja auch aus Tofu oder Seitan.

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Quartett der Videospielskanadale

von Trip Hawkins, Ingo Donot und Andreas Garbe

Zur WASD 18 gibt es auch eine besondere Ausgabe des WASD-Skandal­quartetts. Welche Kontroversen waren die bedeutendesten, fielen besonders auf ? Antworten von EA-Gründer Trip Hawkins, Donots-Sänger Ingo und dem Autor der Serie, Andreas Garbe.

Andreas Garbe

Für mich als Autor dieser Serie ist dies die bedeutendste Kontroverse um Videospiele, denn das Beispiel beweist: Schon in den Siebzigern gab es vermeintliche Killerspiele, über die auf großer Bühne leidenschaftlich gestritten wurde.

Wieso ist das so wichtig ? In der Diskussion um Gewalt in Videospielen und Wirkungsforschung verweise ich oft auf eine Studie, die die Mediennutzung von rund 40 Amokläufern an US-Schulen untersuchte, zwischen den Jahren 1974 und 2000. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich nur jeder achte Täter für gewalthaltige Spiele interessierte. Aber, wird mir dann gern entgegengehalten, in den Siebzigern und Achtzigern habe es ja noch keine solchen Spiele gegeben. Das bekomme ich leider selbst von vermeintlichen Fachredakteur*innen zu hören. Die Kontroverse um Death Race und der Grad der medialen Aufmerksamkeit zeigen: Die Debatte um vermeintliche Killerspiele, letztlich die Sorge um die Verrohung der Spieler ist so alt wie das Medium selbst.

Nur acht Jahre später wurden die ersten drei Videospiele in Deutschland indiziert. Neben Battlezone und River Raid war auch Speed Racer mit dabei, eine Weiterentwicklung von Death Race. Statt immer gleicher Strichmännchen konnten hier nun verschiedene Figuren überfahren werden – und die Auswahl sollte maximal provozieren: von der gebrechlichen Großmutter über das spielende Kind bis zur Mutter mit Säugling. Das alles dann auch noch in Farbe, aber kaum weniger pixelig als der Vorgänger. Das Spiel verherrliche und verharmlose Gewalt, sei geeignet, „Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren“ und „sittlich zu gefährden“. So lautete damals die Einschätzung der Bundesprüfstelle, die das Spiel dann tatsächlich bis 2009 unter den Ladentisch verbannte. 25 Jahre für eine gezielte Provokation, eine vermeintlich verrohende Gewaltorgie in 320 mal 200 Pixeln.

Death Race blieb in Deutschland zwar unbekannt. Doch in den USA schaffte es das Spiel in die Massenmedien und den gesellschaftlichen Diskurs. Ein Verhaltenspsychologe sagte damals der New York Times: „Ich bin sicher, dass die meisten Spieler danach nicht in ihr Auto springen, um Fußgänger zu überfahren. Aber einer aus eintausend ? Einer aus einer Million ? Und ich schaudere, wenn ich daran denke, was als Nächstes kommt, wenn man so etwas fördert. Das wird sehr blutig.“

So lächerlich solche Einschätzungen und ihre Folgen aus heutiger Sicht wirken, sie waren damals Teil eines ernsten Diskurses. Die Diskussion um Death Race und Speed Racer zeigt, wie vergänglich Betrachtungen wie die oben zitierten sind. Und sie verleiht der genannten Studie die Validität, die sie verdient.

Trip Hawkins

Ah, Night Trap, another episode in the saga of falsely presumed danger of video games. Social history suggests that people resist change and that new inventions, notably media, are misunderstood and scorned by our elders. As a video game pioneer this has been a theme in my life for half a century. Video games do not incite violence, nor do they numb us to violence. Films and TV today remain more realistic and pervasive than video games but I see an inverse correlation between human conflict and warfare and the rise of modern media. I have always believed that media, including sports, are a healthy way to soak up cultural angst, competitive urges and hormones like testosterone. The historical numbers bear this out; as a case in point, our last world war ended 75 years ago, around the time that TV really became a thing. The unique contribution of video games is that they are interactive, which brain scientists have proven is the single best way to increase human intelligence. S’all good.

Hence it is always self-serving, hypocritical, scapegoating, witch-hunting politics when there is a sudden flareup about how cartoonish video game violence is causing real damage in our society. When Joe Lieberman rose to a national profile by attacking Night Trap, he was an ambitious first-term senator that needed to be re-elected on his way to aiming for The White House. Night Trap was a humble parody of fantastical vampire stories that made B movies look good. Visually, kids cartoons are much better looking and are also considerably more violent. But Lieberman knew video games were the new kid on the block, the easy target for a bully to pick on. 3DO became the second act for Night Trap, but with better graphics, which stirred things up all over again. Meanwhile, Lieberman is given some credit for the game industry rating system. I find this ironic because 3DO had already created a rating system. I personally invented the E for Everyone rating, which the ESRB later bought from 3DO. But it’s all about Joe. Makes me need a cup of Joe.

Ingo Donot

Ich bin Vegetarier. Seit gut 30 Jahren nun schon. Ich esse kein Tier, trage weder Leder noch Pelz an meinem Körper und versuche, wo es eben geht, tierische Inhaltsstoffe in meiner Nahrung zu vermeiden (mit veganen Monaten für das gute Körpergefühl on top). Ja, Tiere tun mir leid. Und nein, Tiere sollen nicht für meine Bequemlichkeit, mein Pläsier oder meinen Luxus leiden müssen.

Dieser Grundsatz zieht sich, Punk sei Dank, wie ein roter Faden durch mein Leben und ich achte gemeinsam mit meiner Band DONOTS sehr akribisch darauf, eine ebenso gute wie friedfertige Zeit auf diesem Planeten zu verbringen, ohne damit anderen auf die Füße oder Pfoten zu treten.

Als Core-Gamer seit Anfang der 80er bringt das allerdings ein moralisches Zocker-Dilemma mit sich: Ich habe selbst in den blutrünstigsten Games eigentlich immer nur Probleme damit, vierbeinige Freund*innen zu verlieren – oder gar töten zu müssen. Das Pferd in Shadow Of The Colossus, welches in die Tiefe stürzt: schlimm. Die Hunde, die ich in The Last Of Us 2 töten muss, während ansonsten aber ohne Wimpernzucken dutzen-de Zombies mit stumpfen Brotmessern durch meine Hand sterben: kaum auszuhalten.

Bei all dem Gaming-Gefühlschaos habe ich aber bis zum heutigen Tage nicht verstanden, was im Jahr 2011 so schlimm da---ran gewesen sein soll, dass unser aller Lieblingsklempner Mario eine Tanuki-Waschbären-Fellmütze in Super Mario Land 3D getragen hat.

Die ansonsten sehr geschätzte Tierrechtsorganisation PETA verzettelte sich seinerzeit leider derbe mit einem Videospiel-Publicity-Stunt und prangerte öf--fent---lich Marios flauschigen Dresscode an: Es sei ein falsches Signal, dass Mario Pelz in dem Spiel trage, da die Tanuki-Waschbären bei lebendigem Leib für ihr Fell gehäutet werden. Und um dem Ganzen die Gaming-Krone aus Absurdistan aufzusetzen, launchte PETA direkt noch ein semi-spannendes Flash-Browser-Game, in dem ein gehäuteter Waschbär Mario und seiner blutigen Kopfbedeckung hinterherjagte.

Die Gaming-Community schüttelte auf breiter Front den Kopf und verwies unter anderem darauf, dass Tanuki noch eine weitere Bedeutung in Japan habe: „Tanooki“ bezeichnet ein Fabelwesen, welches die Form wechseln kann und Glück bringt – so wie es Marios Mütze ihm in dem Spiel erlaube. Nintendo selbst zeigte sich unbeeindruckt von den PETA-Vorwürfen und kurz darauf ruderten auch eben jene öffentlich zurück: Das Ganze sollte mit einem Augenzwinkern auf die Pelzindustrie und ihre Methoden hinweisen, so eine Pressesprecherin.

Mario selbst ist das Glück seither – trotz oder vielleicht sogar wegen der Tanuki-Mütze – hold geblieben und seinem Standing als ewiger Sympathieträger hat der aufgepfropfte Skandal keinen Abbruch getan.

Ich als Tierfreund runzele weiterhin ein wenig die Stirn, da ich zwar den Ansatz der Kritik durchaus verstehen kann und das Tragen von Pelz im echten Leben streng verurteile, aber diese PR-Aktion nur als good intention gone bad einordnen kann. So sehr Traditionen auch hinterfragt werden sollten und müssen, so sehr sollte man sich schließlich auch überlegen, wo man Kritik sinnvollerweise platziert, um am Ende Ohren zu öffnen und sie nicht dauerhaft zu schließen.

Vielleicht war’s ja eh nur eine Kunstfellmütze im 3D Land. Und vielleicht sind die Hunde in The Last Of Us 2 ja auch aus Tofu oder Seitan.